Spaniens Sonnensteuer und das Solar-Comeback
Spaniens Sonnensteuer: Wie ein Abgaben-Design den Solarausbau ausbremste
Foto: Solarkraftwerk Solnova in Andalusien, Spanien — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / kallerna
Spanien hat eine der sonnenreichsten Lagen Europas. Trotzdem dümpelte der Photovoltaik-Ausbau dort jahrelang vor sich hin, während andere Länder zulegten. Der Grund war nicht das Wetter, sondern das Regelwerk: eine Abgabe auf selbst erzeugten und selbst verbrauchten Solarstrom, im Volksmund „impuesto al sol" – Sonnensteuer. Ihre Geschichte ist ein Lehrstück darüber, wie die Ausgestaltung von Abgaben dezentrale Erzeugung abwürgen oder freisetzen kann.
Was die Sonnensteuer war
Eingeführt wurde sie über das Real Decreto 900/2015 vom Oktober 2015. Die Verordnung regelte die administrativen, technischen und wirtschaftlichen Bedingungen für den Eigenverbrauch von selbst erzeugtem Strom. Kern war ein zusätzliches Entgelt für selbst verbrauchte Energie – also für Strom, den eine Solaranlage erzeugt und der direkt im eigenen Haus verbraucht wird, ohne jemals das öffentliche Netz zu berühren.
Die Abgabe hatte zwei Bestandteile: einen festen Anteil, bemessen an der vertraglich gebuchten Leistung, und einen variablen Anteil pro erzeugter Kilowattstunde. Der variable Teil traf vor allem Anlagen oberhalb von 10 kW Anschlussleistung. Kleine Anlagen unter 10 kW in Niederspannung waren vom variablen Teil ausgenommen, ebenso Inselanlagen und Anlagen auf den Kanaren, in Ceuta und Melilla.
Die offizielle Begründung der damaligen Regierung: Auch Eigenverbraucher nutzten das Netz als Reserve und sollten zu dessen Kosten beitragen. Das Argument ist nicht völlig aus der Luft gegriffen – ein Haushalt mit Solaranlage bleibt am Netz angeschlossen und bezieht nachts oder bei schlechtem Wetter Strom. Die Wirkung des konkreten Designs war jedoch eine andere: Es verteuerte ausgerechnet den Teil der Energie, der das Netz gar nicht belastet, nämlich den direkten Eigenverbrauch hinter dem Zähler.
Die Bremswirkung
Spanien war innerhalb Europas das einzige Land, das eine solche Abgabe auf den Solar-Eigenverbrauch erhob. Für private Haushalte und kleinere Betreiber verschob sich damit die Rechnung: Wer in eine Anlage investierte, um seinen eigenen Strombedarf zu decken, musste einen Teil dieser selbst verbrauchten Energie zusätzlich bezahlen. Hinzu kamen aufwendige Genehmigungs- und Meldepflichten. Das Ergebnis war eine spürbar gedämpfte Investitionsneigung in genau dem Segment, das anderswo zum Treiber des dezentralen Ausbaus wurde: Dächer von Wohnhäusern, Gewerbe und kleinen Betrieben.
Die Abschaffung 2018
Im Oktober 2018 kippte die Regierung unter Energie- und Umweltministerin Teresa Ribera die Abgabe. Das Real Decreto-ley 15/2018 vom 5. Oktober 2018 strich die Sonnensteuer und verankerte das Recht auf Eigenverbrauch ohne diese Belastung. Zugleich vereinfachte es die Verfahren und erlaubte den gemeinschaftlichen Eigenverbrauch – mehrere Parteien eines Mehrfamilienhauses oder Nachbarn können seither eine gemeinsame Solaranlage teilen.
Der Effekt setzte rasch ein. Mehrere Branchenquellen berichten von einem deutlichen Anstieg der Installationen bereits im Jahr der Abschaffung. Der eigentliche Schub kam in den Folgejahren.
Wo Spanien heute steht
Die Zahlen des spanischen Übertragungsnetzbetreibers Red Eléctrica (REE) zeigen die Dimension. 2024 deckten erneuerbare Energien rund 56 Prozent des spanischen Strommix – ein Rekordwert und etwa sechs Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Im Generationsmix lag Windkraft mit rund 23 Prozent vorn, Kernkraft bei 19 Prozent, Photovoltaik mit rund 17 Prozent auf dem dritten Platz, mit einer Rekorderzeugung von etwa 45 Terawattstunden.
Noch deutlicher ist der Sprung bei der installierten Leistung. Nach REE-Angaben überholte die Photovoltaik 2024 erstmals die Windkraft und wurde zur Technologie mit der höchsten installierten Leistung im Land. Allein 2024 kamen rund 7 Gigawatt neue Solarleistung hinzu. Damit zählt Spanien heute zu den am schnellsten wachsenden Solarmärkten Europas – Deutschland liegt bei der absoluten Gesamtleistung weiter vorn, doch das spanische Ausbautempo der vergangenen Jahre ist beachtlich.
Auch der Eigenverbrauch, einst Ziel der Abgabe, wächst wieder: Für 2025 weisen Branchenberichte rund 1,13 Gigawatt neu installierte Solarleistung für den Eigenverbrauch aus. 2025 lag der Anteil der Erneuerbaren am Strommix laut REE bei etwa 55,5 Prozent, mit Eigenverbrauchsanlagen bei rund 56,6 Prozent.
Die Pointe: Abgaben-Design entscheidet
Der spanische Fall zeigt nüchtern, dass nicht das Potenzial einer Technologie über ihren Ausbau entscheidet, sondern die Frage, ob das Abgaben- und Entgeltsystem sie belohnt oder bestraft. Eine Abgabe, die selbst verbrauchten Strom verteuert, traf ausgerechnet die Energie, die das Netz nicht belastet. Sobald diese Belastung fiel, beschleunigte sich der dezentrale Ausbau.
Diese Mechanik ist auch für die deutsche Debatte um Netzentgelte und Doppelbelastungen relevant. Wenn Strom an mehreren Stellen mit Aufschlägen belegt wird, kann das genau jene Flexibilität ausbremsen, die das System eigentlich braucht. Der iberische Stromausfall vom 28. April 2025 wird in der öffentlichen Wahrnehmung gern in diese Debatte hineingezogen. Der Abschlussbericht des europäischen Netzbetreiber-Verbunds ENTSO-E vom März 2026 führt ihn jedoch auf ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren rund um Spannungs- und Blindleistungsregelung zurück – nicht auf einen zu hohen Anteil erneuerbarer Energien. Ein vorschnelles „die Erneuerbaren waren schuld" trägt der Befund nicht.
Die Brücke zum §13k
Der gemeinsame Nenner ist das Steuerungsprinzip: Erst nutzen, dann speichern, dann abregeln. Spanien hat erlebt, wie eine Abgabe auf den günstigsten verfügbaren Strom – den eigenen vom Dach – Investitionen ausbremste. In Deutschland wird zunehmend Wind- und Solarstrom abgeregelt, wenn Erzeugung und Nachfrage nicht zusammenpassen und der Börsenpreis ins Negative rutscht. Eine zeitliche Erweiterung des §13k EnWG könnte solchen Überschussstrom an Ladesäulen lenken, statt ihn ungenutzt zu lassen. In beiden Fällen geht es um dieselbe Frage: Lässt das Regelwerk zu, dass vorhandener günstiger Strom tatsächlich genutzt wird?
Quellen
- Spanien schafft die „Sonnensteuer" ab (Real Decreto-ley 15/2018, Hintergrund) – EQ Magazine
- Aufhebung der Sonnensteuer und Recht auf Eigenverbrauch – Flobers
- Mechanik des Real Decreto 900/2015 (Sonnensteuer) – renovablesverdes.com
- Renewable energies generated 56% of Spain's electricity mix in 2024 – Red Eléctrica (REE)
- Solar PV takes the lead in Spain's installed power capacity – Red Eléctrica (REE)
- Spain deploys 1.13 GW of solar for self-consumption in 2025 – pv magazine
- ENTSO-E Expert Panel Final Report on 28 April 2025 Iberian Blackout
- 2025 Iberian Peninsula blackout – Wikipedia (Überblick)
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