Ladefreunde-Blog · netzausbau-speicher

Netzausbau oder Speicher? Der Engpass und die dezentrale Alternative

10. Juni 2026 4 min Lesezeit Ladefreunde-Blog

Netzausbau oder Speicher? Der Engpass und die dezentrale Alternative

Großbatterie-Speicher

Foto: Großbatterie-Speicher (Tesla Megapack) — via Wikimedia Commons — CC0 / Wikideas1

Wer über die Energiewende spricht, landet schnell beim Stromnetz. Die gängige Erzählung lautet: Im Norden steht der Windstrom, im Süden sitzt der Verbrauch, dazwischen fehlen die Leitungen. Also baut Deutschland große Nord-Süd-Trassen. Das stimmt – aber es ist nur die halbe Geschichte. Denn der Bau dieser Leitungen dauert Jahre, kostet zweistellige Milliardenbeträge, und ein erheblicher Teil des Engpasses lässt sich heute schon dezentral entschärfen: durch Speicher, durch verschobene Lasten – und durch Großabnehmer, die ihren Verbrauch dann hochfahren, wenn ohnehin zu viel Strom da ist.

Wo der Engpass wirklich entsteht

Engpässe im Stromnetz sind kein abstraktes Problem. Sie kosten Geld. 2024 lagen die Kosten für das gesamte Engpassmanagement der Übertragungsnetze bei rund 2,8 Milliarden Euro – ein Rückgang um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der größte Block sind dabei nicht etwa Entschädigungen für abgeregelten Windstrom, sondern der konventionelle Redispatch und der Vorhalt von Reservekraftwerken. Die eigentliche Entschädigung für abgeregelte Erneuerbare lag 2024 bei rund 554 Millionen Euro.

Wichtig ist die Einordnung: Trotz dieser Engpässe konnten 2024 rund 96,5 Prozent der erneuerbaren Erzeugung tatsächlich zu den Verbrauchern transportiert werden. Es ist also nicht so, dass das Netz flächendeckend kollabiert. Es sind einzelne, wiederkehrende Engpasssituationen – vor allem an windreichen Tagen, wenn im Norden mehr eingespeist wird, als nach Süden abfließen kann.

Hinzu kommen Effekte an den Grenzkuppelstellen, den Übergabepunkten zu den Nachbarländern. Über sogenannte Loop-Flows fließt deutscher Windstrom physikalisch teilweise über Polen und Tschechien gen Süden, statt direkt durch Deutschland. Eine europäische Vorgabe verlangt, dass den grenzüberschreitenden Stromhandel ein Mindestanteil der Leitungskapazität offensteht (die sogenannte 70-Prozent-Regel). Beides – inländische Nord-Süd-Engpässe und grenznahe Ringflüsse – beschreibt dasselbe Grundproblem: Erzeugung und Verbrauch sind räumlich und zeitlich auseinandergelaufen.

Der Netzausbau läuft – aber er braucht Zeit

Die großen Nord-Süd-Gleichstromverbindungen sind inzwischen genehmigt und im Bau: SuedLink, SuedOstLink sowie A-Nord/Ultranet. Die vollständige Genehmigung von SuedLink liegt seit Herbst 2024 vor, gebaut wird in allen beteiligten Bundesländern. Ein Teil dieser Korridore stand bereits im Netzentwicklungsplan 2012 – damals mit dem Ziel, früh fertig zu sein.

Die Realität ist eine andere. Ultranet soll Ende 2026 in Betrieb gehen, A-Nord 2027, SuedLink und SuedOstLink werden für 2028 erwartet. Die Erdverkabelung, politisch durchgesetzt zur Akzeptanzsteigerung, hat die Kosten erheblich nach oben getrieben; für SuedLink kursieren Bandbreiten im hohen einstelligen bis niedrigen zweistelligen Milliardenbereich. Allein für 2026 stellt der Bund 6,5 Milliarden Euro bereit, um die daraus folgenden Netzentgelte auf der Höchstspannungsebene zu dämpfen.

Diese Trassen sind sinnvoll und kommen. Aber sie lösen das Problem frühestens ab 2027/2028 – und die Engpasskosten fallen heute an. Genau hier setzt die dezentrale Alternative an. Wir fordern ausdrücklich keine zusätzlichen Trassen. Wir fragen: Was lässt sich mit dem bestehenden Netz besser machen?

Speicher und verschobene Lasten als Ergänzung

Hier hat sich der Markt 2026 spürbar bewegt. Im ersten Quartal 2026 wurden in Deutschland erstmals über 2 Gigawattstunden neue Batteriekapazität in Betrieb genommen – ein Plus von rund zwei Dritteln gegenüber dem Vorjahresquartal. Großspeicher über 1 Megawattstunde wuchsen dabei um rund 119 Prozent und überholten erstmals die Summe aller neuen Heimspeicher.

Das Potenzial ist noch deutlich größer: Bei den Übertragungsnetzbetreibern liegen über 500 Anschlussanträge für Großbatteriespeicher mit einer gewünschten Leistung von mehr als 200 Gigawatt vor – genehmigt sind davon bislang erst rund 40 Gigawatt. Speicher können überschüssigen Strom dort puffern, wo er anfällt, und ihn zeitversetzt abgeben. Das entlastet die Leitungen genau in den Stunden, in denen sie sonst überlastet wären.

Speicher allein lösen aber nicht alles – sie sind teuer und endlich. Deshalb lohnt der Blick auf die zweite Stellschraube: die Last. Wenn flexible Großabnehmer ihren Verbrauch in die Überschussstunden verlegen, sinkt der Bedarf, Strom überhaupt erst abzuregeln oder über teuren Redispatch wegzuregeln. Lastverschiebung ist sozusagen ein Speicher, der nichts kostet, weil der Strom direkt genutzt statt zwischengelagert wird. Die Reihenfolge der Vernunft lautet daher: erst nutzen, dann speichern, dann – wo nötig – ausbauen.

Die Brücke zu unserer Forderung

Genau an dieser Stelle setzt unsere Kernforderung an: die zeitliche Erweiterung des Paragraf 13k EnWG. Statt überschüssigen Strom in Engpasssituationen abzuregeln oder mit teurem Redispatch zu kompensieren, soll er gezielt an Ladesäulen genutzt werden – dann, wenn er ohnehin reichlich und günstig vorhanden ist. Das ist Lastverschiebung in Reinform: Sie verlagert Verbrauch in die Überschussstunden, senkt den Druck auf die bestehenden Leitungen und macht einen Teil der teuren Eingriffe überflüssig.

Netzausbau, Speicher und gesteuerte Last sind keine Gegensätze, sondern bauen aufeinander auf. Aber während die Trassen erst 2028 fertig werden und Großspeicher auf Genehmigungen warten, ließe sich die Nutzung des Überschussstroms an Ladepunkten kurzfristig in Gang setzen. „Nutzen statt abregeln" ist damit kein Verzicht auf das Netz – sondern der schnellste verfügbare Hebel, um den Engpass von der Verbrauchsseite her zu entlasten.

Quellen

Du willst „Nutzen statt Abregeln"?

Zeichne die Petition — jede Stimme zählt. Wir brauchen sie schnell, bevor der Tankrabatt verlängert und unser Vorschlag übersehen wird.

Petition zeichnen →

Newsletter abonnieren? Hier auf der Startseite mit deiner E-Mail-Adresse.