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Die größten Stromleitungen der Welt: China und das Texas-Prinzip

10. Juni 2026 5 min Lesezeit Ladefreunde-Blog

Die größten Stromleitungen der Welt - und was wir daraus lernen können

Höchstspannungs-Freileitung

Foto: Eine 1150-kV-Höchstspannungsleitung — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Роман Дергунов

Wer über Stromnetze spricht, landet schnell bei sehr großen Zahlen. Zwei Projekte auf zwei Kontinenten zeigen, wie unterschiedlich Länder das Problem angehen, erzeugten Strom dorthin zu bringen, wo er gebraucht wird. Das eine ist ein technischer Weltrekord aus China. Das andere ist eine eher unscheinbare politische Entscheidung aus Texas - und gerade die ist für die Debatte hierzulande lehrreich.

Vorweg: Wir fordern für Deutschland keine zusätzlichen Riesentrassen. Im Gegenteil. Beide Beispiele dienen uns dazu, eine Frage zu schärfen, die in der deutschen Diskussion oft untergeht - nämlich die nach der richtigen Reihenfolge und danach, wie viel Leitung man durch kluge Nutzung vor Ort überhaupt vermeiden kann.

Teil 1: Chinas Rekordleitung von der Wüste in die Metropole

Die Changji-Guquan-Leitung ist die Stromleitung mit der höchsten Betriebsspannung der Welt. Sie arbeitet mit ±1.100 Kilovolt Gleichstrom (UHVDC, Ultra-Hochspannungs-Gleichstrom) und ist rund 3.293 Kilometer lang - das entspricht ungefähr der Strecke von Lissabon bis nach Moskau, gebaut als eine einzige Leitung.

Sie beginnt in Changji in der nordwestchinesischen Region Xinjiang und endet in Guquan in der östlichen Provinz Anhui. Auf dem Weg dorthin quert sie fünf weitere Provinzen. Die Übertragungsleistung liegt bei 12 Gigawatt; das ist in etwa die Leistung von zehn großen Kraftwerksblöcken. Pro Jahr transportiert die Leitung rund 66 Terawattstunden in den Osten Chinas - genug, um nach Angaben der Betreiber rechnerisch rund 50 Millionen Haushalte zu versorgen und den Kohleverbrauch im Zielgebiet um mehr als 30 Millionen Tonnen jährlich zu senken.

Der Zweck ist klar umrissen: Xinjiang ist reich an Wind, Sonne und Kohle, aber dünn besiedelt. Die großen Verbrauchszentren liegen Tausende Kilometer entfernt an der Ostküste. Statt die Energie vor Ort zu nutzen, transportiert China sie quer durch das Land. Gebaut wurde von Januar 2016 bis Dezember 2018, in Betrieb ging die Leitung im September 2019. Technisch ist das eine beeindruckende Leistung. Energiepolitisch steht dahinter eine bewusste Grundentscheidung: erzeugen in der Peripherie, verbrauchen im Zentrum, verbinden durch sehr lange, sehr starke Leitungen.

Teil 2: Texas - erst die Leitung, dann das Windrad

Das zweite Beispiel ist technisch unspektakulärer, in der Logik aber genauso interessant. Texas gilt heute als Windland Nummer eins der USA. Den Grundstein legte 1999 der damalige Gouverneur George W. Bush mit einem Gesetz, das eine Mindestquote für erneuerbare Energien festschrieb - eine der ersten Regelungen dieser Art in den USA.

Schnell zeigte sich ein Engpass: Der Wind weht im dünn besiedelten Westen von Texas, der Strombedarf sitzt aber im Osten und in den Städten. Es fehlten die Leitungen. Üblicherweise wartet man, bis genug Erzeuger am Netz sind, und baut dann die Leitungen hinterher - was regelmäßig zu jahrelangen Verzögerungen führt.

Texas drehte die Reihenfolge um. 2005 ordnete der Bundesstaat per Gesetz an, sogenannte Competitive Renewable Energy Zones (CREZ) auszuweisen und die Leitungen vorausschauend zu planen. 2008 legte die Regulierungsbehörde fünf solcher Zonen fest, ausgelegt auf rund 18.500 Megawatt Windleistung, und identifizierte etwa 3.600 Meilen (rund 5.800 Kilometer) neuer oder ausgebauter Leitungen. Gebaut wurde im Wesentlichen zwischen 2010 und 2014, zu Gesamtkosten von rund 6,8 bis 7 Milliarden US-Dollar.

Der Clou: Man baute die Leitungen, bevor die Windparks standen - in der begründeten Erwartung, dass die Erzeugung folgen würde, sobald der Abtransport gesichert ist. Diese Wette ging auf. Die Windkraft in Texas wuchs danach stark, und Studien der US-Energiebehörde EIA zeigten anschließend deutlich weniger Abregelungen und seltenere negative Strompreise, weil der zuvor eingesperrte Windstrom nun abfließen konnte.

Was beide Beispiele für uns bedeuten

Aus beiden Geschichten lässt sich dasselbe lernen - aber mit einer wichtigen Einschränkung. China und Texas zeigen, dass die Reihenfolge zählt: Plant man die Netzfrage zu spät, sitzt die Energie fest, wird abgeregelt oder verschenkt.

Daraus folgt aber nicht, dass die Lösung immer „mehr und längere Leitungen" heißt. Im Gegenteil. Beide Fälle illustrieren, wie teuer und langwierig es ist, Erzeugung und Verbrauch über große Distanzen erst aufzubauen und dann zu verbinden. Jede Kilowattstunde, die in der Nähe des Erzeugungsorts genutzt oder zwischengespeichert wird, muss gar nicht erst über tausend Kilometer transportiert werden - und senkt damit den Bedarf an genau solchen Großleitungen.

Genau hier setzt unser Anliegen an. In Deutschland wird in Zeiten von Überschuss - also bei viel Wind und Sonne und entsprechend niedrigen oder negativen Preisen - Strom abgeregelt, statt ihn zu nutzen. Statt die Erzeugung abzudrehen, könnte man sie vor Ort verbrauchen: zum Beispiel an Ladesäulen, deren Last sich zeitlich gut verschieben lässt.

Die §13k-Brücke: erst nutzen, dann speichern

Der Paragraf 13k im Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) regelt heute schon, dass Überschussstrom in bestimmten Situationen genutzt statt abgeregelt wird. Wir setzen uns dafür ein, diesen Mechanismus zeitlich zu erweitern, sodass Ladesäulen den ohnehin vorhandenen Überschussstrom in genau diesen Stunden aufnehmen können. Das ist der naheliegendste erste Schritt: erst nutzen, dann speichern - und damit Erzeugung und Verbrauch dort zusammenbringen, wo der Strom entsteht, bevor man über zusätzliche Leitungen nachdenkt.

Die Lehre aus China und Texas ist also nicht „baut die größten Leitungen der Welt". Sie lautet: Denkt Erzeugung, Netz und Nutzung von Anfang an zusammen - und nutzt jede Möglichkeit, den Transportbedarf durch dezentrale Nutzung und Speicherung von vornherein klein zu halten.

Quellen

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