Xlinks: das längste Stromkabel der Welt von Marokko nach England
Ein Kabel quer durchs Mittelmeer: das Xlinks-Projekt erklärt
Foto: Das Solarkraftwerk Noor in Ouarzazate, Marokko — Strom für Projekte wie Xlinks — via Wikimedia Commons — CC BY 2.0 / Richard Allaway
Es klingt nach einer Idee aus einem Ingenieurs-Tagtraum: Man verlegt ein Stromkabel von der Sahara bis an die Küste Englands und schickt darüber Sonnen- und Windstrom aus Marokko in die britischen Steckdosen. Genau das plant das Unternehmen Xlinks mit dem „Morocco-UK Power Project". Der Plan ist technisch beeindruckend, finanziell gewaltig und seit Juni 2025 politisch ins Wanken geraten. Für unsere Debatte ist er vor allem eines: ein lehrreiches Beispiel dafür, wann sich Großinfrastruktur lohnt und wann der Strom besser dort genutzt wird, wo er anfällt.
Was Xlinks konkret bauen will
Das Vorhaben besteht aus drei Bausteinen. In der Region Guelmim-Oued Noun im Südwesten Marokkos soll ein riesiger Erzeugungspark mit rund 11,5 Gigawatt Solar- und Windleistung entstehen, ergänzt um einen großen Batteriespeicher von etwa 22,5 Gigawattstunden bei 5 Gigawatt Leistung. Von dort führt ein Seekabel über rund 3.800 bis 4.000 Kilometer bis ins nordenglische Devon, genauer in das kleine Dorf Alverdiscott, wo der Strom ans britische Netz angeschlossen würde.
Dieses Kabel wäre das längste Unterseestromkabel der Welt. Es ist als Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) ausgelegt, weil Gleichstrom über solche Distanzen deutlich verlustärmer ist als Wechselstrom. Geplant sind vier Einzelkabel, die zwei voneinander unabhängige Stränge mit je 1,8 Gigawatt bilden, zusammen also 3,6 Gigawatt Übertragungsleistung. Das reicht rechnerisch, um bis zu rund acht Prozent des britischen Strombedarfs zu decken. Die Kosten werden je nach Quelle und Zeitpunkt mit etwa 20 bis 25 Milliarden Pfund angegeben.
Warum ausgerechnet Marokko?
Die Logik hinter dem Standort ist die Kombination aus Wüstensonne und beständigem Wind. In Südmarokko scheint die Sonne sehr verlässlich, und an der Atlantikküste wehen über weite Teile des Tages stetige Winde, die ihr Maximum oft dann erreichen, wenn die Sonne nachlässt. Solar- und Windprofil ergänzen sich also über den Tag hinweg. Zusammen mit dem großen Batteriespeicher verspricht Xlinks dadurch eine ungewöhnlich gleichmäßige Einspeisung über das Kabel, im Gegenschnitt zur stark schwankenden Erzeugung im wolkenreicheren Nordeuropa.
Die politische Wende: London sagt ab
So überzeugend die Physik klingt, im Juni 2025 erhielt das Projekt einen schweren Dämpfer. Die britische Regierung unter Energieminister Ed Miliband entschied, nicht in formelle Verhandlungen über einen langfristigen Abnahme- und Preisgarantievertrag einzutreten, den Xlinks für die Finanzierung gebraucht hätte. Begründet wurde das damit, dass das Projekt nicht zur Strategie passe, Stromerzeugung vorrangig im eigenen Land aufzubauen. Außerdem wurde es als „erstmaliges Mega-Projekt" mit hohen kumulierten Risiken bei Bau, Betrieb und Versorgungssicherheit eingestuft.
Wichtig dabei: Xlinks hatte keine direkten Steuergelder für den Bau verlangt, das Vorhaben sollte privat finanziert werden. Gefordert war aber eine staatliche Preisgarantie über 25 Jahre, also eine langfristige Zusage, den Strom zu einem festen Preis abzunehmen. Genau diese Zusage blieb aus. Seither sucht das Unternehmen nach rein privaten Abnehmern, prüft Großabnehmer auf dem europäischen Kontinent und hält parallel das britische Genehmigungsverfahren am Laufen. Der Status ist damit offen und das Vorhaben wackelig.
Bitte nicht verwechseln: kein Kabel von Marokko nach Deutschland
Weil die Idee so plakativ ist, kursiert gelegentlich die Vorstellung, Marokko könne über die Nordsee direkt Deutschland mit Strom versorgen. Das ist nicht der Fall, und die Abgrenzung lohnt sich. Xlinks endet in England, nicht in Deutschland.
Die direkte Stromverbindung zwischen Deutschland und Großbritannien heißt NeuConnect. Sie ist mit rund 1,4 Gigawatt deutlich kleiner, etwa 720 Kilometer lang, verbindet Wilhelmshaven mit der englischen Grafschaft Kent, kostet rund 2,8 Milliarden Euro und befindet sich im Bau, mit geplantem Betriebsstart ab etwa 2028. Daneben gibt es Konzepte wie den North Sea Wind Power Hub, bei denen es um die Anbindung von Offshore-Windstrom in der Nordsee geht. Beim Thema Marokko und Europa wiederum dreht sich die seriöse Debatte vor allem um grünen Wasserstoff, nicht um ein durchgehendes Stromkabel bis nach Mitteleuropa. Wer also über Xlinks spricht, sollte die drei Vorhaben sauber auseinanderhalten.
Was wir daraus lernen: erst nutzen, dann transportieren
Das Xlinks-Projekt zeigt im Großen, woran sich auch unsere heimische Debatte entscheidet. Strom über tausende Kilometer zu transportieren ist teuer, technisch anspruchsvoll und politisch verwundbar. Solche Megaprojekte können sinnvoll sein, sie binden aber enorme Summen und können, wie das britische Beispiel zeigt, an einer einzigen politischen Entscheidung scheitern.
Genau deshalb verdient der naheliegende Hebel mehr Aufmerksamkeit: Strom, der ohnehin schon im Land erzeugt wird, möglichst dort zu nutzen, wo er entsteht. Sollte der Strom nicht erst dazu genutzt werden Marokko selbst mit günstigem Strom zu versorgen, zum Nutzen der dort lebenden Bevölkerung und Industrie ?
In Deutschland werden Wind- und Solaranlagen regelmäßig gedrosselt, weil das Netz die Mengen in dem Moment nicht abtransportieren kann, der Strom wird also gar nicht erst erzeugt, obwohl Wind und Sonne ihn liefern könnten. Statt diese Überschüsse verfallen zu lassen, ließen sie sich gezielt verbrauchen, etwa an Ladesäulen für Elektroautos.
Hier setzt unsere Forderung an: eine zeitliche Erweiterung von Paragraf 13k im Energiewirtschaftsgesetz, damit Überschussstrom an Ladesäulen genutzt statt abgeregelt wird, nach dem Grundsatz „erst nutzen, dann speichern". Das ist kein Ersatz für jede große Leitung, aber es ist die dezentrale, günstige und sofort verfügbare Variante, die kein 4.000-Kilometer-Kabel und keine 25-Jahre-Preisgarantie braucht. Während London und Rabat über das längste Kabel der Welt streiten, liegt ein Teil der Lösung bei uns schlicht in der Frage, ob wir den vorhandenen Strom überhaupt nutzen dürfen.
Quellen
- Xlinks Morocco–UK Power Project – Wikipedia
- Morocco-UK Power Project – Xlinks (Projektseite)
- UK government abandons Moroccan HVDC megaproject plan – Energy Institute
- UK Government Rejects £25 Billion Xlinks Morocco-UK Project – Morocco World News
- Xlinks explores alternatives after UK declines long-term deal – North Africa Post
- NeuConnect – Wikipedia
- Construction starts on the 1.4 GW UK-Germany NeuConnect interconnector – Enerdata
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