Der Brief aus Doha
Im Mai 2025 sagte der Energieminister Katars einen Satz, den man in dieser Deutlichkeit selten liest. Europa solle seine geplanten Nachhaltigkeitspflichten für Unternehmen abschwächen oder streichen — sonst werde man „zu 100 Prozent" kein Flüssiggas mehr liefern.
Foto: Doha — via Wikimedia Commons — CC BY 4.0 / Zairon
Worum es ging
Das Gesetz heißt CSDDD, auf Deutsch die EU-Lieferkettenrichtlinie. Sie verlangt von großen Unternehmen, dass sie Menschenrechts- und Umweltschäden in ihren Lieferketten abstellen. Bei Verstößen waren Geldbußen von bis zu fünf Prozent des weltweiten Umsatzes vorgesehen.
Für einen Gaslieferanten ist das unangenehm, weil es die Förderung selbst erfasst — nicht nur das, was in Europa ankommt.
Was dann passierte
Im Oktober 2025 schrieben Katars Energieminister und der US-Energieminister gemeinsam an die EU-Mitgliedstaaten. Die Richtlinie werde „considerable harm to the EU and its citizens" anrichten. Zwei der wichtigsten Gaslieferanten Europas, in einem Schreiben, gegen ein europäisches Gesetz.
Im Dezember 2025 einigten sich die EU-Institutionen im Trilog. Im Februar 2026 nahm der Rat die Änderung förmlich an. Was übrig blieb:
| vorher | nachher | |
|---|---|---|
| Sorgfaltspflicht reicht bis | in die Lieferkette | nur zu direkten Zulieferern |
| Betroffen sind Unternehmen ab | 1.000 Beschäftigten | 5.000 Beschäftigten und 1,5 Mrd. Euro Umsatz |
| Anwendung ab | 2027 | 2029 |
Foto: Plenarsaal des Europäischen Parlaments in Straßburg — via Wikimedia Commons — CC BY 4.0 / Sebastian Wallroth
Ob der Brief den Ausschlag gab, steht in keinem Protokoll. An der Abschwächung haben viele gearbeitet, darunter europäische Verbände und Regierungen. Was sich sagen lässt: Die Forderung wurde gestellt, mit einem Lieferstopp verbunden — und das Ergebnis liegt nah an dem, was gefordert war.
Die Gegenprobe: was Katar von uns wollte
Wie das aus deutscher Sicht aussieht, zeigte sich einen Monat später. Vom 17. bis 19. November 2025 reiste die Bundeswirtschaftsministerin mit einer Wirtschaftsdelegation und dem Investitionsbeauftragten des Kanzlers nach Abu Dhabi und Doha. Auf der Liste standen Flüssiggas, Investitionen der Staatsfonds und die Covestro-Übernahme.
Beim Gas kam sie nicht weiter. Die Lieferungen, die 2022 vereinbart und für 2026 zugesagt waren, sind bis heute nicht dauerhaft festgezurrt. Katars Bedingungen sind seit Jahren dieselben:
- mindestens 15 Jahre Vertragslaufzeit
- Preise, die an den Ölpreis gekoppelt sind
- Lieferung an die deutsche Küste
- und die europäischen Lieferkettenregeln gelten als unfreundlich
Das ist die Rechnung, die hinter dem Wort Versorgungssicherheit steht: Wer so einkauft, bindet sich bis weit in die 2040er Jahre an einen Preis, den ein anderer Markt bestimmt.
Und dann kam der Februar
Seit Februar 2026 ist die Straße von Hormus gesperrt oder beeinträchtigt. QatarEnergy hat Lieferausfälle wegen höherer Gewalt erklärt und mehrfach verlängert, zuletzt bis in den November. Rund 17 Prozent der katarischen Verflüssigungskapazität sind beschädigt, die Reparatur dauert Jahre. Im ersten Quartal 2026 kamen 6,6 Prozent des europäischen Flüssiggases aus Katar, 29 Prozent weniger als im Vorjahr.
Der Lieferstopp, der als Drohung im Raum stand, ist also eingetreten — nur aus einem anderen Grund.
Was das über die Abhängigkeit selbst sagt, steht in einem früheren Beitrag:
→ Hormus, und was China daraus gemacht hat
Der nächste Teil geht dorthin, wo über Sanktionen, Genehmigungen und Waffenverkäufe entschieden wird.
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Der Brief aus Doha
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