Die Dreißig-Prozent-Grenze
In den siebziger Jahren fasste das Kabinett unter Bundeskanzler Helmut Schmidt einen Beschluss: Die Abhängigkeit von sowjetischen Gaslieferungen soll dreißig Prozent nicht überschreiten.
Im Jahr 2021 kamen 52 Prozent des nach Deutschland importierten Erdgases aus Russland.
Foto: Arbeiten an einer Gastrasse in der Sowjetunion, 1983 — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 3.0 de / Bundesarchiv, Ulrich Haessler
Zwischen diesen beiden Zahlen liegen fünfzig Jahre, in denen kein einzelner Beschluss die Grenze aufhob. Sie wurde von Geschäften überholt, die für sich genommen jedes Mal vernünftig aussahen. Eines dieser Geschäfte gehört BASF.
1970: Röhren gegen Gas
Am 1. Februar 1970 unterschrieben Vertreter von Mannesmann, Ruhrgas und der Deutschen Bank im Essener Kaiserhof einen Vertrag mit sowjetischen Stellen. Die Konstruktion war dreiteilig: Deutschland liefert 1,2 Millionen Tonnen Großrohre für den Ausbau des sowjetischen Leitungsnetzes, deutsche Banken finanzieren, und die Sowjetunion liefert dafür zwanzig Jahre lang bis zu 3 Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich.
Ab Oktober 1973 floss das Gas, eingespeist in Waidhaus in der Oberpfalz. Vier weitere Vertragsrunden folgten, bis zum „Röhrenkredit V" im Januar 1978.
Das Geschäft war politisch gewollt und wirtschaftlich erfolgreich. Es war auch der Moment, in dem die Bundesregierung eine Obergrenze für nötig hielt — was zeigt, dass die Risiken damals gesehen wurden.
Foto: Bau der Leitung Urengoi–Uschgorod um 1984 — via Wikimedia Commons — gemeinfrei
1990 und 1993: Wintershall wird Vermarkter
Die BASF-Tochter Wintershall war bis dahin ein Förderunternehmen. Ende 1990 gründete sie zusammen mit Gazprom die Handelsgesellschaft WIEH, 1993 folgte Wingas. Aus dem Förderer wurde ein integrierter Anbieter: eigene Leitungen, eigene Speicher, eigener Vertrieb — und ein russischer Partner mit fester Beteiligung an der deutschen Vermarktung.
Damit hatte Gazprom etwas, das über Lieferverträge hinausgeht: einen Platz im deutschen Markt. Und Wintershall hatte Zugang zu Mengen, die keinem Wettbewerber in dieser Form offenstanden.
2015 endete diese Konstruktion mit einem Tausch: Gazprom übernahm Handel und Speicher vollständig, Wintershall erhielt dafür Förderanteile in Westsibirien. Diese Geschichte steht in einem eigenen Beitrag, weil an ihr der größte Gasspeicher des Landes hängt.
Warum BASF in dieser Geschichte vorkommt
Ludwigshafen ist der größte einzelne Gasverbraucher Deutschlands. Rund 37 Terawattstunden im Jahr 2021 — bei einem deutschen Gesamtverbrauch von etwa 1.000 Terawattstunden also gut 3,7 Prozent des Landes an einem einzigen Standort.
Die Hälfte davon verbrennt der Konzern für Strom und Dampf; drei Kraftwerke stehen dafür auf dem Werksgelände, der Standort verbraucht über 6 Terawattstunden Strom im Jahr, gut ein Prozent des deutschen Stromverbrauchs.
Die andere Hälfte wird gar nicht verbrannt. Sie ist Rohstoff — Ammoniak, Acetylen, Synthesegas. Das Molekül steckt am Ende im Produkt.
Foto: Ammoniak-Anlage in einem Chemiepark — Ammoniak ist einer der Prozesse, in denen Erdgas als Rohstoff dient — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 3.0 / Gerry1987
Diese Unterscheidung ist der Grund, warum die Chemie in der Gasfrage anders liegt als Heizung oder Stromerzeugung. Der eine Teil lässt sich durch Strom ersetzen. Der andere braucht vorerst das Molekül.
2022 und 2023: die Abrechnung
Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine endete das Modell innerhalb von Monaten.
Im Januar 2023 kündigte Wintershall Dea den vollständigen Rückzug aus Russland an, nach über dreißig Jahren. Die Zahlen dazu:
- Über 5 Milliarden Euro schrieb Wintershall Dea bei der Entkonsolidierung der russischen Gemeinschaftsunternehmen ab.
- Rund 7,3 Milliarden Euro Wertberichtigungen nahm BASF auf seine Beteiligung an Wintershall Dea vor, davon 5,4 Milliarden allein im vierten Quartal 2022.
- Rund 1 Milliarde Euro entfiel auf die Finanzierung von Nord Stream 2, an der Wintershall Dea als einer von fünf europäischen Geldgebern beteiligt war.
- Der BASF-Konzern schloss 2022 mit einem Verlust von rund 1,4 Milliarden Euro ab.
Was aus dem Rest wurde
Am 3. September 2024 ging das Förder- und Explorationsgeschäft von Wintershall Dea — ohne die Aktivitäten mit Russland-Bezug — an den britischen Konzern Harbour Energy über. Vereinbarter Unternehmenswert: 11,2 Milliarden US-Dollar. BASF und der Mitgesellschafter LetterOne erhielten 2,15 Milliarden Dollar in bar, davon 1,56 Milliarden für BASF, dazu Aktien an der erweiterten Harbour.
Diese Aktien verkauft BASF seither ab. Im Jahr 2026 sank der Anteil von 24,3 auf 16,4 Prozent. Das Russland-Geschäft blieb als Rest bei BASF und LetterOne zurück.
Der Standort heute
Ludwigshafen steht seit drei Jahren unter Umbau. Elf Produktionskomplexe sind stillgelegt. Das Kostenprogramm soll bis Ende 2026 jährlich 2,3 Milliarden Euro einsparen. Eine Standortvereinbarung schließt betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2028 aus.
Parallel eröffnete der Konzern am 26. März 2026 in Zhanjiang in Südchina einen neuen Verbundstandort — nach Ludwigshafen und Antwerpen den drittgrößten des Unternehmens, mit über 2.000 Beschäftigten.
Foto: Der BASF-Verbundstandort Ludwigshafen — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 3.0 / Ralf Engelberger
Wohin sich die Abhängigkeit verschoben hat
Deutschland importierte 2025 insgesamt 1.031 Terawattstunden Erdgas, nach 864 im Jahr davor. Die größten Herkunftsländer nach Einspeisepunkt: Norwegen mit 44 Prozent, die Niederlande mit 24, Belgien mit 21. Über die Flüssiggas-Terminals in Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Lubmin und Mukran kamen 106 Terawattstunden, gut zehn Prozent der Importe.
Diese Statistik zählt den Punkt, an dem das Gas die Grenze überquert, nicht das Feld, aus dem es stammt. Ein erheblicher Teil dessen, was über die Niederlande und Belgien kommt, ist verflüssigtes Gas aus anderen Weltgegenden, das dort angelandet wurde. Im ersten Quartal 2026 stammten 17,3 Prozent des europäischen Flüssiggases aus Russland, 57,4 Prozent aus den USA.
Die dreißig Prozent von damals waren eine Zahl über ein bestimmtes Land. Die heutige Frage ist weniger, welches Land liefert.
Was das mit unserer Petition zu tun hat
Für die Hälfte des Ludwigshafener Gasbedarfs, den Rohstoff-Teil, ändert Strompolitik auf absehbare Zeit nichts. Diese Grenze gehört in jede Rechnung, die hier aufgemacht wird.
Die andere Hälfte ist Energie — und Energie hat einen zweiten Weg. Ein erheblicher Teil des deutschen Stroms stammt weiterhin aus Gaskraftwerken, und jede Kilowattstunde, die aus Wind und Sonne stattdessen genutzt wird, senkt diesen Anteil.
Genau daran hakt es messbar. Im Jahr 2024 wurden 9.374 Gigawattstunden Wind- und Solarstrom abgeregelt: 4.562 Offshore-Wind, 3.384 Onshore-Wind, 1.389 Photovoltaik. Im Jahr 2025 gab es in mindestens einer Netzzone an 1.970 Stunden Abregelung — das ist mehr als ein Fünftel aller Stunden des Jahres.
Der bestehende § 13k EnWG („Nutzen statt Abregeln") erlaubt es, in genau diesen Stunden zusätzlichen Verbrauch zuzuschalten. Was fehlt, ist eine Festlegung der Bundesnetzagentur, die das Preissignal an die Verbrauchsorte durchreicht — an die Schnellladesäule ebenso wie an die Wallbox. In den Stunden, in denen heute Windräder abgeregelt werden, kostet Laden dann nichts.
Das Kabinett der siebziger Jahre hat die Abhängigkeit auf dreißig Prozent begrenzen wollen und dafür Verträge gebraucht, die jemand anderes einhalten musste. Strom, der hier erzeugt wird, kommt ohne diesen Jemand aus.
→ Petition zeichnen · Hintergrund-Dokument · Woher das Gas in der Heizung kommt
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Die Dreißig-Prozent-Grenze
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