Fossile leben länger
Wer wissen will, wie lange ein Energiesystem noch geplant ist, schaut nicht auf Reden. Er schaut auf Vertragslaufzeiten.
Katar baut seine Kapazität für Flüssigerdgas bis 2030 von 77 auf 142 Millionen Tonnen im Jahr aus, ein Plus von 85 Prozent, rund 29 Milliarden Dollar Investition. Über 70 Prozent der neuen Mengen sind bereits verkauft — in Verträgen mit 20 bis 27 Jahren Laufzeit. Die letzte dieser Lieferungen fällt in die 2050er Jahre.
Foto: LNG-Tanker „Lijmiliya" von Qatargas — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 2.0 / devopstom
Das ist der Satz, um den es in dieser Reihe geht: Fossile leben länger. Nicht als Stimmung, sondern als Geschäftsplan mit Unterschrift.
Drei Wege, auf denen das abgesichert wird
Ein Geschäftsmodell, das bis 2050 reichen soll, verteidigt sich nicht mit Argumenten. Es verteidigt sich mit drei Dingen, und alle drei lassen sich nachlesen.
Erstens Eigentum. Katars Staatsfonds hält 17 Prozent der Stimmrechte bei Volkswagen und ist seit 2023 größter Einzelaktionär des größten deutschen Stromerzeugers. Abu Dhabis Ölkonzern hat einen deutschen Dax-Konzern gekauft.
Zweitens Verträge und der Druck, der sie begleitet. Im Oktober 2025 schrieben Katars Energieminister und der US-Energieminister gemeinsam an die EU-Staaten, um ein europäisches Gesetz zu verhindern. Vorher hatte der Minister angekündigt, sonst „zu 100 Prozent" kein Flüssiggas mehr zu liefern.
Drittens Zugang. In Washington entscheiden über Energie- und Sanktionsfragen Menschen, deren privates Geschäft von denselben Staaten finanziert wird. Auch das steht in Pflichtmeldungen und Ausschussberichten, nicht in Gerüchten.
Und dann kam der Februar
Während diese Verträge in die 2050er reichen, hat die Gegenwart einen Riss bekommen.
Seit Februar 2026 ist die Straße von Hormus gesperrt oder beeinträchtigt. QatarEnergy hat Lieferausfälle wegen höherer Gewalt erklärt und mehrfach verlängert, zuletzt Ende August bis in den November. Bei einem einzigen italienischen Kunden sind seit April 29 Ladungen ausgefallen, rund 3,8 Milliarden Kubikmeter Gas. Rund 17 Prozent der katarischen Verflüssigungskapazität sind beschädigt; die Reparatur dauert nach Branchenangaben drei bis fünf Jahre.
Im ersten Quartal 2026 kamen noch 6,6 Prozent des europäischen Flüssiggases aus Katar, 29 Prozent weniger als im Vorjahr. Der Gaspreis liegt bei rund 77 Euro je Megawattstunde, die deutschen Speicher waren Anfang September zu 53 Prozent gefüllt — der niedrigste Stand zu diesem Zeitpunkt seit Beginn der Aufzeichnungen.
Beides gilt gleichzeitig: Die Lieferung von übermorgen ist verkauft. Die von heute kommt nicht an.
Warum das hier steht
Diese Reihe ist keine Nahost-Reihe. Sie endet in jeder Folge an derselben Stelle — an der Steckdose, an der wir laden.
Denn dieselbe Woche, in der QatarEnergy die Ausfälle bis November verlängerte, hat Deutschland die erste Ausschreibung für neue Gaskraftwerke abgeschlossen: 8. September 2026, 4,5 Gigawatt, überzeichnet. Wer den Zuschlag bekommt, verpflichtet sich für 15 Jahre. „Wasserstofffähig" heißt im Gesetz, dass die Anlage umrüstbar sein muss — ein Datum für die Umrüstung steht nicht drin, eine Mindestmenge auch nicht, eine Sanktion ebenfalls nicht.
Deutschland baut also gerade die Nachfrage, die zu diesen Verträgen passt.
Die Reihe
- Fossile leben länger — worum es geht (dieser Beitrag)
- → Der Anteil, der mitredet — wem die deutschen Konzerne gehören
- → Als der Eigentümer Nein sagte — was in Osnabrück passiert ist
- → Der Brief aus Doha — wie ein EU-Gesetz kleiner wurde
- → Washington am Golf — Geld, Beteiligungen, Genehmigungen
- → Was daraus bei uns folgt — Verbrenner, Rüstung, Gaskraftwerke, Ladesäule
- → Was auf dem Sprechzettel stand — die Akten zur Texas-Reise des Wirtschaftsministeriums
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