Ladefreunde-Blog · Strommarkt und Geopolitik

Der Ingenieursstaat und die Anwaltsgesellschaft

9. August 2026 3 min Lesezeit Ladefreunde-Blog

Es gibt eine Unterscheidung, die vieles erklärt, was sonst wie eine Reihe von Einzelärgernissen aussieht. Sie stammt von Dan Wang, einem Forscher am Hoover History Lab in Stanford, der Jahre in China gelebt und gearbeitet hat, und sie steht in seinem 2025 erschienenen Buch „Breakneck".

Wangs These in einem Satz: China ist ein Ingenieursstaat, die USA sind eine Anwaltsgesellschaft.

Der Ingenieursstaat bringt zu jedem Problem einen Vorschlaghammer mit — zu den physischen wie zu den sozialen. Die Anwaltsgesellschaft bringt einen Richterhammer und blockiert damit fast alles: das Schlechte und das Gute gleichermaßen.

Das ist keine Wertung, sondern eine Beschreibung zweier Betriebssysteme. Und beide haben ihren Preis.

Was der Ingenieursstaat kann

China baut. Hochgeschwindigkeitsnetze, Übertragungsleitungen, Fabriken, ganze Industriezweige — in Zeiträumen, die anderswo für die Genehmigung reichen. Wang nennt das breakneck, halsbrecherisch, und das Wort trägt beide Bedeutungen: atemberaubend schnell, und mit gebrochenen Hälsen.

Denn dieselbe Verfassung, die Gleise verlegt, hat auch die Ein-Kind-Politik durchgesetzt und Zero-Covid. Ein Staat, der über Einwände hinweggeht, geht über alle Einwände hinweg. Wang macht daraus keine Empfehlung, und dieser Text tut es auch nicht.

Was die Anwaltsgesellschaft kann

Sie schützt. Bürgerrechte, Eigentum, Umwelt, Verfahren — der Rechtsweg ist genau das Instrument, das den Einzelnen gegen den Zugriff des Staates stellt. Das ist eine zivilisatorische Errungenschaft und nichts, worauf man verzichten sollte.

Nur hat sie eine Nebenwirkung, die sich mit der Zeit summiert: Wenn jede Entscheidung anfechtbar ist, wird das Verhindern billiger als das Bauen. In der Frage, die Wang seinen amerikanischen Gesprächspartnern stellt, klingt das so: Warum fahren in den USA keine Züge, die schneller sind als vor hundert Jahren?

Der Elektrostaat

Aus dieser Unterscheidung folgt eine zweite, jüngere. Seit Anfang 2026 kursiert für China der Begriff des Elektrostaats — in Abgrenzung zum Petrostaat.

Der Petrostaat verdient daran, den Energieträger zu fördern und zu verkaufen. Seine Macht hängt daran, dass andere kaufen müssen. Der Elektrostaat verdient daran, die Mittel der Erzeugung zu bauen und zu exportieren: Module, Zellen, Wechselrichter, Netztechnik, Speicher, Elektromotoren. Seine Macht hängt daran, dass andere seine Lieferketten brauchen.

Das ist ein Unterschied in der Bauart der Abhängigkeit. Wer Öl kauft, kauft es jeden Tag wieder. Wer eine Fabrik oder ein Netz mit fremder Technik baut, entscheidet einmal — und lebt dann zwanzig Jahre mit der Entscheidung.

Warum uns das angeht

Weil Deutschland in dieser Typologie nicht vorkommt, und weil sich das ändern sollte.

Wir sind keine Anwaltsgesellschaft amerikanischer Prägung; unser Rechtsweg funktioniert anders, weniger über Klagen von Privaten, mehr über Verfahren und Behörden. Aber die Nebenwirkung ist dieselbe: Das Verhindern ist wohlorganisiert, das Bauen nicht.

Und wir haben das Ergebnis schon einmal bezahlt. Deutschland war 2011 Weltmarktführer in der Photovoltaik. Was diese Führung beendet hat, war keine chinesische Fabrik, sondern eine deutsche Regeländerung, angekündigt binnen einer Woche. Die Fabriken standen danach woanders.

Der Punkt, an dem beides zusammenläuft

Unsere eigene Forderung ist ein Testfall für genau diese Frage.

Sie braucht keinen Bau, keine Leitung, keine Genehmigung, kein Grundstück und kein Geld. Strom, der CO2-neutral erzeugt werden könnte und heute abgeregelt wird, soll in Autobatterien fließen dürfen. Das ist eine Änderung in der Abrechnung — die billigste Bauart von Fortschritt, die es gibt.

Wenn selbst das an Verfahren scheitert, dann liegt es nicht daran, dass etwas Schweres verlangt worden wäre.

Das ist der Grund, warum wir diese Unterscheidung nützlich finden. Nicht, weil wir uns einen Ingenieursstaat wünschten — der Preis dafür ist zu hoch und in Wangs Buch nachzulesen. Sondern weil sie die Frage schärft, die man an jedes Verfahren stellen kann: Schützt es hier gerade jemanden, oder verhindert es nur?

Zum langen Gespräch mit Dan Wang

Die kurze Fassung beim Wall Street Journal

Quellen

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