Die Nachbarn haben das längst hinter sich
In Deutschland ist die Wärmepumpe eine Gesinnungsfrage geworden. Anderswo ist sie die Heizung.
Das ist kein rhetorischer Kniff, sondern der nüchterne Befund, wenn man über die Grenze schaut. In den Ländern, die uns beim Heizungstausch voraus sind, hat es die Debatte, die wir seit 2023 führen, so nicht gegeben — und in keinem von ihnen ist die Regierung darüber gestürzt.
Die interessantere Frage ist deshalb nicht, warum die anderen weiter sind. Sie lautet: Was haben sie anders gemacht?
Foto: Außeneinheit einer Luft-Wärmepumpe im Schnee. In Norwegen, Schweden und Finnland liegt der Wärmepumpen-Anteil bei über 90 Prozent — Kälte ist kein Gegenargument, sondern der Normalfall. — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / PeterEastern
Der Überblick
| Land | Marktdurchdringung | Regelung | Haushaltsstrompreis |
|---|---|---|---|
| Norwegen | über 90 % Anteil am Raumheizungsmarkt; rund 44 verkaufte Wärmepumpen je 1.000 Haushalte (2025) | keine Verbotsdebatte nötig — der Markt war vorher entschieden | rund 16 ct/kWh |
| Schweden | über 90 %; rund 34 je 1.000 Haushalte | seit den neunziger Jahren über CO2-Steuer gesteuert | rund 16 ct/kWh |
| Finnland | über 90 %; rund 36 je 1.000 Haushalte | Fernwärme plus Wärmepumpe, stark kommunal getrieben | im unteren Drittel Europas |
| Dänemark | Fernwärme deckt den Großteil; nur noch knapp ein Viertel davon fossil | jahrzehntelange kommunale Wärmeplanung | rund 35 ct/kWh |
| Niederlande | — | ab 2026 sollen in Neu- und Bestandsbauten praktisch nur noch Wärmepumpen oder Fernwärmeanschlüsse eingebaut werden | unter dem deutschen Niveau |
| Österreich | — | Erneuerbare-Wärme-Gesetz vom 29.02.2024: keine fossilen Heizsysteme mehr im Neubau; Förderung seit 11/2025 30 % der Kosten, maximal 7.500 € | unter dem deutschen Niveau |
| Schweiz | — | kein Bundesverbot, kantonal geregelt: Basel-Stadt verbietet den Neueinbau von Öl- und Gasheizungen seit 2017, Kanton Zürich lässt seit 01.09.2022 im Bestand nur noch erneuerbaren Ersatz zu | — |
| Großbritannien | — | Boiler Upgrade Scheme: fester Zuschuss von 7.500 £ je Wärmepumpe, unabhängig von den Gesamtkosten | — |
| Deutschland | 2025 erstmals meistverkaufte Heizungsart | Gebäudemodernisierungsgesetz seit 29.07.2026: 65-Prozent-Regel gestrichen, Beimischquoten ab 2029 | rund 38 ct/kWh — höchster Wert Europas |
EU-Durchschnitt Haushaltsstrom 1. Halbjahr 2025: rund 29 ct/kWh. Europaweit erreichten Wärmepumpen 2024 einen Anteil von 28 Prozent am Raumheizungsmarkt; 2025 wurden in 16 europäischen Ländern 2,63 Millionen Geräte verkauft, elf Prozent mehr als im Vorjahr.
Was in der Tabelle steht, wenn man sie liest
Skandinavien hat die Frage vor der Klimadebatte entschieden. Der Wärmepumpen-Anteil in Norwegen, Schweden und Finnland liegt bei über 90 Prozent — nicht, weil dort jemand ein Verbot durchgesetzt hätte, sondern weil Strom dort billig und über Wasserkraft verfügbar war, als anderswo noch Öltanks gefüllt wurden. Schweden hat zusätzlich seit den neunziger Jahren eine CO2-Steuer. Die Entscheidung fiel über den Preis, und sie fiel früh.
Dänemark hat es über die Planung gemacht. Nicht über den einzelnen Keller, sondern über kommunale Wärmenetze, die heute überwiegend erneuerbar gespeist werden. Wer an ein Netz angeschlossen ist, trifft die Heizungsentscheidung nicht selbst — sie ist im Netz getroffen worden. Das ist ein anderer Weg als der deutsche, und er nimmt dem Einzelnen genau die Unsicherheit ab, die hier gerade erzeugt wird.
Die Schweiz zeigt, dass es ohne Kulturkampf geht. Basel-Stadt verbietet den Neueinbau fossiler Heizungen seit 2017, also seit neun Jahren. Im Kanton Zürich darf seit September 2022 eine fossile Heizung im Bestand nur noch durch eine erneuerbare ersetzt werden, außer die erneuerbare Lösung ist technisch unmöglich oder über die gesamte Lebensdauer mehr als fünf Prozent teurer. Das Ergebnis nach anderthalb Jahren: über 98 Prozent der ersetzten Heizungen liefen klimaneutral. Eine Regel, eine Ausnahmeklausel, und die Sache läuft.
Und dann die Spalte ganz rechts.
Die eigentliche Zahl
Deutschland zahlt mit rund 38 Cent je Kilowattstunde die höchsten Haushaltsstrompreise Europas. Der EU-Durchschnitt liegt bei rund 29 Cent. Norwegen und Schweden liegen bei etwa 16 Cent — bei weniger als der Hälfte.
Das ist der Punkt, an dem die Erklärung „die anderen sind eben weiter" aufhört zu erklären.
Eine Wärmepumpe tauscht Gas gegen Strom. Ob sich der Tausch für einen Haushalt rechnet, hängt an einem einzigen Verhältnis: was die Kilowattstunde Strom kostet, geteilt durch das, was die Kilowattstunde Gas kostet. Ist der Faktor klein, rechnet sich die Wärmepumpe von allein, weil sie aus einer Einheit Strom drei Einheiten Wärme macht. Ist er groß, frisst der Strompreis den Effizienzvorteil auf — und dann braucht es eine Förderung, um die Rechnung wieder hinzubiegen.
Genau da steht Deutschland. Nicht bei der Technik, nicht bei den Handwerkern, nicht bei der Akzeptanz. Bei einem Preisverhältnis, das die effizientere Lösung teuer aussehen lässt.
Was daraus folgt
Zwei Dinge, und beide sind unbequem für die aktuelle Politik.
Erstens ist die Förderdebatte eine Ersatzdebatte. Wer die Förderung kürzt, verschiebt die Rechnung zulasten des Haushalts. Wer sie erhöht, verschiebt sie zulasten des Steuerzahlers. Beide rühren nicht an der Ursache. Und wie wenig sich mit Förderdesign ausrichten lässt, zeigen die beiden Länder in der Tabelle, die es unterschiedlich versucht haben: Großbritannien zahlt einen festen Betrag je Einbau — die Installationskosten sind trotzdem gestiegen. Österreich hatte Pauschalen und ist im November 2025 auf ein Prozentmodell umgestiegen, also genau in die Gegenrichtung. Es gibt kein Förderdesign, das dieses Problem löst.
Zweitens ist der Strompreis politisch gemacht. Er besteht in Deutschland zu einem erheblichen Teil aus Abgaben, Umlagen und Netzentgelten. Was daran wie hoch ist, hat der Gesetzgeber entschieden — und kann es anders entscheiden.
Es gibt dabei einen Hebel, der nichts kostet. In Stunden mit sehr viel Wind- und Solarstrom fällt der Börsenpreis unter null. In diesen Stunden ist Strom im Überfluss vorhanden, und Anlagen werden abgeregelt, weil ihn niemand abnimmt. Eine Wärmepumpe ist ein steuerbarer Verbraucher mit einem Wärmespeicher dahinter: Sie könnte in genau diesen Stunden laufen und den Vorrat für den Tag anlegen. Ein Auto könnte in derselben Stunde seinen Akku füllen.
Beides passiert nicht, weil das Preissignal dieser Stunde beim Verbraucher nicht ankommt. Es endet im Großhandel.
Das ist die Frage, an der wir arbeiten — und wie man an der Tabelle sieht, ist sie mit der Heizungsfrage dieselbe Frage.
Quellen
- EHPA über den europäischen Wärmepumpenabsatz 2025
- BWP-Blog: Verkäufe von Wärmepumpen in Europa
- Strom-Report: Strompreise in Europa
- Bundeskanzleramt Österreich: „Raus aus Öl und Gas"
- Heizungstausch-Förderung Österreich 2026
- Kanton Zürich: Über 98 Prozent der ersetzten Heizungen klimaneutral
- Kanton Basel-Stadt: Heizungsersatz
- Boiler Upgrade Scheme (UK)
- KfW Research: Die Wärmepumpe etabliert sich in Europa — der Strompreis entscheidet
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