Mechanismen zur Meinungsmache und Manipulation
Wer eine Behauptung als falsch erkennen will, muss sie nachprüfen. Wer ein Muster erkennen will, braucht Namen für die Bauteile. Diese Seite sammelt die Begriffe, die in unserer Reihe über Ursachenzuschreibung vorkommen — mit Urheber, Erklärung und einem Beispiel aus den anderen Texten.
Es sind neun. Man kann sie in einer Viertelstunde lernen und danach nicht mehr übersehen.
Foto: Spiegelkabinett. Dieselbe Aussage, vielfach zurückgeworfen, wirkt wie viele Aussagen. — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 2.0 / Alan Murray-Rust
1. Framing
Wer: Robert Entman, 1993.
Aus einem Sachverhalt wird ausgewählt und hervorgehoben, was zur gewünschten Deutung passt. Nichts muss erfunden werden. Es genügt, das eine zu nennen und das andere wegzulassen.
Shanto Iyengar hat gezeigt, dass die Rahmung darüber entscheidet, wem Menschen die Verantwortung zuschreiben. Berichte, die einen Einzelfall zeigen, führen zu anderen Schuldzuweisungen als Berichte, die den Zusammenhang zeigen — bei identischer Faktenlage.
Beispiel: Der Brand nordwestlich von Athen. In Griechenland stehen ein Elektroingenieur, ein Bauunternehmer und ein privates Netz im Satz. In der deutschsprachigen Weiterverwertung steht dort eine Technologie.
2. Deagentivierung
Wer: aus der Kritischen Diskursanalyse, ausgearbeitet unter anderem von Norman Fairclough.
Zwei sprachliche Verfahren lassen den Handelnden verschwinden: Passivierung („es wurde beschlossen") und Nominalisierung („die Beschlussfassung"). Ein Substantiv braucht keinen Urheber. Wer nicht im Satz vorkommt, wird auch nicht verantwortlich gemacht.
Beispiel: „Als wahrscheinliche Ursache gelten Funken an Stromleitungen." Funken gelten. Niemand hat gebaut, unterschrieben oder gewartet.
3. Nachrichtenwert
Wer: Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge, 1965.
Nicht jedes Ereignis wird eine Nachricht. Ausgewählt wird, was überraschend, konfliktträchtig, prominent oder anschlussfähig ist. Das ist die Arbeitsgrundlage jeder Redaktion — und es bedeutet, dass die Rahmung oft schon in der Entscheidung steckt, überhaupt zu berichten.
Beispiel: „Funken an einer Stromleitung lösten einen Waldbrand aus" ist keine Meldung. Erst der Zusatz „eines Windpark-Netzes" macht daraus etwas, das gesendet wird.
4. Data Void
Wer: Michael Golebiewski und danah boyd, Data & Society.
Eine Lücke, in der die Nachfrage nach Information hoch ist und belastbare Information fehlt. Die Autoren beschreiben sie zunächst für Suchmaschinen: Nach einem plötzlichen Ereignis suchen viele Menschen nach denselben Begriffen, und wer schnell Inhalte produziert, besetzt sie. Dasselbe gilt für die Stunden und Tage nach jeder Katastrophe.
Beispiel: Elf Monate zwischen dem Stromausfall in Spanien und dem Abschlussbericht. Die Erklärung stand nach Stunden.
5. Illusory Truth Effect
Wer: Lynn Hasher, David Goldstein und Thomas Toppino, 1977.
Eine wiederholte Aussage wird als wahrer empfunden — allein durch die Wiederholung. Der Grund ist die leichtere Verarbeitung: Was vertraut wirkt, fühlt sich richtig an. Der Effekt tritt auch dann auf, wenn die Aussage dem Vorwissen der Person widerspricht. Der größte Sprung passiert schon beim zweiten Mal.
Beispiel: Der Begriff „Heiz-Hammer", fast siebzig Mal in einem halben Jahr in derselben Zeitung.
Grafik: Zeitungs-Rotationsmaschine. Wiederholung war schon immer billiger als Widerlegung. — via Wikimedia Commons — Public domain / Sue Clark
6. Fuzzy-Trace-Theorie
Wer: Valerie Reyna und Charles Brainerd.
Menschen speichern eine Information doppelt: einmal wortgetreu, einmal dem Sinn nach. Beides entsteht gleichzeitig, aber beim Erinnern und Urteilen verlassen sich Erwachsene fast immer auf die zweite Version. Der genaue Wortlaut ist schnell weg.
Das erklärt, warum Einschränkungen so wenig nützen. „Wahrscheinlich", „mutmaßlich", „privat", „nach ersten Erkenntnissen" gehören zu dem, was als Erstes abfällt.
Beispiel: Nach einer einmal gehörten Radiomeldung bleibt „Windpark, Feuer". Nicht „wahrscheinlich Funken an Stromleitungen eines privaten Netzes".
7. Continued Influence Effect
Wer: Stephan Lewandowsky und Kolleginnen, zusammengefasst 2012 in Psychological Science in the Public Interest.
Wer eine Fehlinformation aufgenommen hat, zieht auch nach einer klaren und glaubwürdigen Korrektur weiterhin Schlüsse aus ihr. Die Korrektur löscht die ursprüngliche Information nicht, sie legt sich daneben.
Das ist der wichtigste Befund für alles, was danach kommt. Aussitzen funktioniert. Man muss eine Korrektur nicht bekämpfen — es genügt, dass sie später kommt und leiser ist.
Beispiel: Der Blackout in Spanien wird bis heute als Beweis gegen erneuerbare Energien angeführt, obwohl der Abschlussbericht das Gegenteil sagt.
8. Agnotologie
Wer: Robert Proctor, Wissenschaftshistoriker in Stanford.
Die Lehre vom gezielt erzeugten Nichtwissen. Zweifel entsteht hier nicht als Nebenwirkung einer schwierigen Faktenlage, sondern als Produkt. Wer eine Regulierung verhindern will, braucht keine Mehrheit für seine Position — es genügt, wenn genug Menschen glauben, man wisse es noch nicht genau.
Beispiel: Eine Organisation, die in den neunziger Jahren für einen Tabakkonzern Zweifel an den Gesundheitsfolgen des Rauchens sät und ab den 2000ern dasselbe Handwerk auf Energiefragen anwendet.
9. Astroturfing
Wer: Begriff aus den USA, politisch geprägt in den 1980er Jahren, oft dem Senator Lloyd Bentsen zugeschrieben. Benannt nach der Kunstrasen-Marke AstroTurf.
Eine Bewegung, die aussieht wie Graswurzel und in Wahrheit bestellt ist. Auftraggeber sind Unternehmen, Parteien, Regierungen oder PR-Agenturen, und sie verbergen ihre Urheberschaft. Der Unterschied zum Lobbyismus liegt genau darin: Lobbyismus ist interessengeleitet, aber offen. Astroturfing simuliert Öffentlichkeit.
Beispiel: 1993 gründete die PR-Agentur Burson-Marsteller die „National Smokers Alliance" — offiziell eine Graswurzelbewegung von Rauchern, tatsächlich eine verdeckte Lobbyorganisation, finanziert von Philip Morris.
Foto: Kunstrasen aus der Nähe. Von Weitem sieht er aus wie eine Wiese. — via Wikimedia Commons — CC0 / Roy Tanck
Was dagegen hilft
Die Forschungslage dazu ist dünner als die zu den Effekten selbst, aber es gibt einen Ansatz, der wiederholt funktioniert hat: Inoculation, auf Deutsch etwa Impfung, in der Anwendung meist Prebunking genannt.
Die Idee stammt aus der Sozialpsychologie und ist alt. Statt eine falsche Behauptung im Nachhinein zu widerlegen, erklärt man vorher die Technik, mit der sie hergestellt wird. Wer die Machart kennt, erkennt sie beim nächsten Mal wieder — auch bei einem Thema, um das es in der Erklärung gar nicht ging. Arbeiten von Jon Roozenbeek, Sander van der Linden und anderen zeigen, dass Menschen nach einer solchen Vorab-Erklärung besser zwischen echten und manipulativen Inhalten unterscheiden.
Genau dafür ist diese Seite gedacht. Sie widerlegt keine einzelne Behauptung. Sie beschreibt die Bauteile.
Der zweite Ansatz ist unspektakulär: auf Genauigkeit achten. Schon der Hinweis, auf die Richtigkeit einer Aussage zu achten, verringert die Wirkung der Wiederholung messbar. Es hilft also tatsächlich, kurz innezuhalten und zu fragen, wer das eigentlich behauptet hat.
Wo das im Zusammenhang steht
Diese Begriffe sind der Werkzeugkasten für eine Reihe von Texten, in denen es um Ursachenzuschreibung unter Zeitdruck geht — und darum, wer davon etwas hat.
→ Ein Funke am Windrad. Stimmt das? → Wir wissen, wo es brennt. Nicht, wer es anzündet. → Zweifel als Produkt → Die Drehtür → Wem gehört die Schlagzeile → Technologieoffen heißt: erstmal gar nichts
Quellen
- Reisigl: Kritische Diskursanalyse — Passivierung und Nominalisierung als Verfahren der Deagentivierung (PDF)
- Data & Society: Data Voids — Where Missing Data Can Easily Be Exploited (PDF)
- Lewandowsky et al.: Misinformation and Its Correction — Continued Influence and Successful Debiasing
- The illusory truth effect: A review of how repetition increases belief in misinformation
- Repetition Increases Perceived Truth Even for Known Falsehoods (Collabra: Psychology)
- Brainerd & Reyna: Fuzzy-Trace Theory and False Memory
- The effects of inoculation interventions and repetition on perceived truth
- Lobbypedia: Astroturfing
- Übersichtsartikel Astroturfing mit Begriffsgeschichte
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