Wem gehört die Schlagzeile
Bisher ging es um das Zeitfenster, um die Organisationen, die es füllen, und um die Menschen, die dafür ihr Gesicht geben. Bleibt der Ort, an dem all das ankommt: die Titelseite.
Foto: Das Axel-Springer-Hochhaus in Berlin. Von 2019 bis 2025 gehörte der Konzern mehrheitlich einem US-Finanzinvestor. — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 3.0 / Assenmacher
Dieser Teil verlangt mehr Zurückhaltung als die vorigen. Bei Heartland gibt es Steuerunterlagen und ein Datenleck, bei Lebensläufen gibt es Handelsregister und Pressemitteilungen. Hier gibt es eine Interessenlage und eine Gelegenheitsstruktur, aber keinen Nachweis einer Weisung. Das sagen wir gleich vorweg. Der Unterschied liegt in den Worten implizit und explizit.
Die Zeitachse
12. Juni 2019. Der US-Finanzinvestor KKR legt ein Übernahmeangebot für die Axel Springer SE vor. Gesamtwert rund 6,8 Milliarden Euro. Der Abschluss erfolgt im Dezember 2019.
2020. Springer verlässt nach 35 Jahren die Börse.
Beim Einstieg kündigt KKR an, nach fünf bis sieben Jahren wieder auszusteigen. Der Plan: entschulden, umbauen, verkaufsfähig machen.
29. April 2025. Die neue Konzernstruktur tritt in Kraft. KKR und der kanadische Pensionsfonds CPP Investments werden Mehrheitseigentümer der Rubrikenmärkte — der Stellen- und Immobilienportale, also des deutlich profitableren Teils. Das klassische Mediengeschäft mit Bild und Welt bleibt bei Mathias Döpfner und der Familie Springer.
Damit ist auch die Frage beantwortet, wie dieser Ausstieg aussah. KKR hat sich nicht aus dem Medienhaus zurückgezogen. KKR hat den Ertragsteil mitgenommen und den Journalismus zurückgelassen. Das ist der übliche Verlauf im Beteiligungsgeschäft.
Was dokumentiert ist
Die Organisation LobbyControl hat die Beteiligung untersucht. Stand Juli 2024:
Fossile Beteiligungen. KKR hält Anteile an 19 Unternehmen aus dem Bereich fossiler Energien, darunter US-amerikanische Terminals für verflüssigtes Erdgas wie Port Arthur. Der Investor zählt zu den größten privaten Finanziers fossiler Unternehmen.
Foto: Anleger eines LNG-Terminals. Flüssigerdgas-Infrastruktur gehört zu den Beteiligungsfeldern des Investors. — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 2.0 / Robin Lucas
Zugang zur Politik. Eine Lobbyagentur wurde 2022 für mindestens 50.000 Euro beauftragt. Dokumentiert sind mindestens 21 Treffen zwischen KKR und Vertretern der Bundesregierung, davon acht mit dem damaligen Staatssekretär im Kanzleramt, sieben davon zwischen Dezember 2022 und Oktober 2023.
Parteispenden. Der Europa-Chef des Investors spendete 2021 50.000 Euro an die FDP, 2017 waren es 20.000. Ein weiterer Spitzenmanager spendete 2021 ebenfalls 50.000 Euro an die FDP, 2017 30.000 an die FDP und 15.000 an die CDU.
Die Kampagne. Zwischen März und August 2023 verwendete die Bild-Zeitung den Begriff „Heiz-Hammer" fast siebzig Mal. Am 28. Februar 2023 lautete eine Schlagzeile: „Habeck will Öl- und Gasheizungen verbieten". Der Absatz von Wärmepumpen brach im ersten Halbjahr 2024 ein.
Aus internen Nachrichten. In geleakten Chats vom April 2023 schrieb der Konzernchef an die Bild-Chefredaktion: „Please stärke die FDP."
Und was nicht dokumentiert ist
Ein Beleg dafür, dass der Investor auf die Redaktion eingewirkt hat, existiert nicht. LobbyControl sagt das ausdrücklich. Der Befund ist eine erhebliche Interessenüberschneidung und eine dichte Gelegenheitsstruktur — nicht eine nachgewiesene Anweisung.
Foto: Ecke Rudi-Dutschke-Straße und Axel-Springer-Straße in Berlin-Kreuzberg. — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 3.0 / Jörg Zägel
Warum das die Heizungsdebatte erklärt, und Spanien gleich mit
Was 2023 in Deutschland mit dem Gebäudeenergiegesetz passiert ist, folgt demselben Muster wie die vier Fälle aus dem ersten Teil dieser Reihe.
Ein technisch komplizierter Vorgang, den zu prüfen Wochen dauert, wurde binnen Tagen in eine einfache Bedrohungsgeschichte übersetzt: Man nimmt dir deine Heizung weg. Das war schneller als jede Fachdebatte, es war anschlussfähig an eine echte Sorge um Kosten, und es hat sich festgesetzt. Der Absatzeinbruch bei Wärmepumpen ist die messbare Folge — bezahlt haben ihn Haushalte, die eine Investitionsentscheidung auf Basis einer Erzählung verschoben haben.
Dasselbe Muster, zwei Jahre später, in Spanien: ein technisch komplizierter Vorgang, eine schnelle einfache Erklärung, ein Abschlussbericht elf Monate danach, den kaum jemand liest.
Für unsere Arbeit ist das die praktische Konsequenz aus dieser ganzen Reihe. Wir schlagen etwas vor, das man in einem Satz sagen kann: Strom, der ohnehin erzeugt würde und heute abgeregelt wird, soll in Autobatterien fließen dürfen. Aber wir schlagen es in einer Umgebung vor, in der einfache Bedrohungsgeschichten schneller laufen als geprüfte Befunde — und in der es Akteure gibt, für die das ein Geschäftsmodell ist und andere, für die es eine Interessenlage ist.
Dagegen hilft kein Gegen-Alarm. Dagegen hilft, den Befund zu kennen, ihn zu belegen und ihn weiterzugeben, auch wenn er elf Monate zu spät kommt.
Was daraus geworden ist
Die Heizungsdebatte von 2023 ist kein abgeschlossener Fall. Sie hat ein Gesetz hervorgebracht — beschlossen im Juli 2026, in Kraft seit Ende Juli.
Wie es aussieht, wenn eine Bedrohungsgeschichte drei Jahre später Gesetzestext wird, steht im letzten Teil dieser Reihe.
Quellen
- LobbyControl: Nutzte Hauptaktionär KKR den Medienkonzern für politische Einflussnahme?
- Axel Springer SE: Mitteilung zur neuen Konzernstruktur (29.04.2025)
- WirtschaftsWoche: Bei Axel Springer kündigt sich nach dem Exit eine neue Ära an
- Media Ownership Monitor Germany: Axel Springer Verlag
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