Die Drehtür
Wer den Zweifel organisiert, braucht Gesichter. Am besten solche, denen man abnimmt, dass sie es wissen müssen. Und am allerbesten solche, die einmal auf der anderen Seite standen — denn nichts wirkt überzeugender als jemand, der angeblich dazugehört hat und nun berichtet, es sei alles ganz anders.
Foto: Eine Drehtür trennt nicht, sie verbindet — und man kann sie in beide Richtungen benutzen. — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / W.carter
Der bekannteste deutsche Fall ist Fritz Vahrenholt. Über ihn kursieren viele ungefähre Sätze. Der genaue Lebenslauf ist bemerkenswerter als jede Zuspitzung, deshalb hier die Stationen der Reihe nach.
Eine Chronologie
1978. Vahrenholt, promovierter Chemiker, Jahrgang 1949 aus Gelsenkirchen-Buer, veröffentlicht als Mitautor „Seveso ist überall". Das Buch über die Gefahren der Chemieindustrie wird zu einem Gründungstext des deutschen Umweltjournalismus. Er kommt also nicht aus der Industrie zur Umweltbewegung, sondern umgekehrt.
1984 bis 1990. Staatsrat in der Hamburger Umweltbehörde. Anschließend, 1990/91, Leiter der Senatskanzlei.
1991 bis 1997. Umweltsenator der Freien und Hansestadt Hamburg.
Foto: Das Hamburger Rathaus, Sitz von Senat und Bürgerschaft. Von 1991 bis 1997 war hier das Umweltressort seine Adresse. — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 3.0 / JuergenG
1998 bis 2001. Vorstand der Deutschen Shell AG.
2001 bis 2007. Vorstandsvorsitzender von REpower Systems, einem deutschen Hersteller von Windkraftanlagen.
Februar 2008 bis Juni 2012. Vorstandsvorsitzender von RWE Innogy, der Erneuerbaren-Tochter des Energiekonzerns RWE.
2012. Im Jahr seines Ausscheidens bei RWE erscheint „Die kalte Sonne", geschrieben mit dem Geologen Sebastian Lüning. Kernthese: Der Weltklimarat unterschätze den Einfluss der Sonne dramatisch; Treibhausgase seien nur halb so wirksam wie angenommen.
Foto: Errichtung eines Windparks. Sechs Jahre lang führte Vahrenholt einen Hersteller solcher Anlagen, danach vier Jahre die Erneuerbaren-Sparte eines Energiekonzerns. — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Achim Raschka
Foto: Raffinerie in der Dämmerung. Zwischen Umweltressort und Windkraftvorstand liegen drei Jahre im Vorstand eines Mineralölkonzerns. — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / W.carter
Diese Abfolge ist der eigentliche Befund. Ein Mann, der die Umweltbewegung mitgeprägt hat, saß im Vorstand eines Mineralölkonzerns, führte danach einen Windkraftbauer, danach die Erneuerbaren-Tochter eines Stromkonzerns — und veröffentlichte anschließend das meistverkaufte deutsche Buch gegen den Konsens der Klimaforschung.
Über Beweggründe sagen wir hier nichts. Wir kennen sie nicht. Was sich prüfen lässt, ist das Buch.
Was die Prüfung des Buches ergab
Das Portal klimafakten.de hat „Die kalte Sonne" in einer ausführlichen Analyse untersucht. Der schwerwiegendste Befund betrifft nicht einzelne Behauptungen, sondern die Darstellung: Grafiken seien so gestaltet worden, dass der Anschein zeitlicher Zusammenhänge zwischen natürlichen Klimafaktoren und der gemessenen Erwärmung verstärkt oder überhaupt erst erzeugt wurde.
Das ist eine Kritik am Handwerk, und sie ist überprüfbar. Wer sie nachvollziehen will, findet die Gegenüberstellungen in der verlinkten Untersuchung.
Die neue Bauform: der besorgte Professor
Offene Leugnung funktioniert nicht mehr gut. Das Portal klimafakten.de beschreibt deshalb eine Verschiebung: Wissenschaftsleugnung im neuen Gewand, Desinformation, die sich seriöser gibt. Zwei Beispiele stehen dafür.
Gerd Ganteför ist Experimentalphysiker und emeritierter Professor der Universität Konstanz. Seine wissenschaftliche Arbeit lag in der Cluster-Physik; zum Klimawandel hat er in seiner Laufbahn nicht geforscht. Auf seinem YouTube-Kanal und in Interviews bestreitet er den Klimawandel nicht. Er erklärt die Gegenmittel für falsch und übertrieben — im Tonfall des besorgten Professors, der nur einordnen möchte.
Das ist wirksamer als offene Leugnung, weil es an der Stelle nicht angreifbar ist, an der man normalerweise angreifen würde. Die Fachkritik richtet sich denn auch nicht gegen seine Physik, sondern gegen eine Reihe von Behauptungen zur Energiewende, die einer Überprüfung nicht standhalten.
Sebastian Lüning, der Mitautor des Buches von 2012, war zuvor beim Öl- und Gasunternehmen RWE Dea tätig. Er forscht heute an einem „Institut für Hydrographie, Geoökologie und Klimawissenschaften" — laut NZZ am Sonntag ein Verein, der aus ihm und einer weiteren Person besteht. Die Zeitung beschreibt seine Präsenz so: überall, auf Konferenzen des Heartland Institute, auf Konferenzen von EIKE, bei der AfD-Fraktion im Bundestag, in der fossilen Industrie. Sein Videoformat „Klimaschau" läuft inzwischen über den YouTube-Kanal von EIKE.
Damit schließt sich der Kreis zum vorigen Teil dieser Reihe: Die Personen aus diesem Text und die Organisationen aus dem letzten sind dieselbe Struktur, von zwei Seiten betrachtet.
Eine Abgrenzung, die dazugehört
Kritik an der Energiepolitik ist nicht dasselbe wie Zweifel an der Messung.
Es gibt Ökonominnen und Ökonomen, die Förderinstrumente scharf angreifen, das Marktdesign für verfehlt halten oder den Ausbaupfad für falsch priorisiert. Manche von ihnen werden von der Gegenseite eifrig zitiert. Das macht sie nicht zu Teilen dieses Apparats. Wer diese Grenze verwischt, tut zwei Dinge auf einmal: Er wird der Sache nicht gerecht, und er beschädigt die eigene Glaubwürdigkeit an der Stelle, an der es wirklich Belege gibt.
Der Unterschied ist einfach zu prüfen. Wer eine Position vertritt, nennt seine Datengrundlage und diskutiert Gegenargumente. Wer Zweifel produziert, wechselt bei Gegenargumenten das Thema.
Warum wir das aufschreiben
Wir sind keine Klimaorganisation. Wir arbeiten an einer engen, technischen Frage: Strom, der ohnehin erzeugt würde und heute abgeregelt wird, soll in Autobatterien fließen können.
Diese Frage bekommt man aber nicht sachlich verhandelt, wenn im Hintergrund seit Jahren an der Bereitschaft gearbeitet wird, Behauptungen zu glauben, die schon geprüft und widerlegt sind. Wer wissen will, warum ein Abschlussbericht von 2026 gegen eine Schlagzeile von 2025 nicht ankommt, muss sich ansehen, wer die Schlagzeile stützt und mit welchem Aufwand.
Im letzten Teil dieser Reihe geht es genau darum: um Eigentümer, Interessen und die Frage, wem die Schlagzeile eigentlich gehört.
Quellen
- Munzinger: Biographie Fritz Vahrenholt
- Lobbypedia: Fritz Vahrenholt
- DeSmog: Fritz Vahrenholt
- klimafakten.de: Wie redlich ist Vahrenholts Buch „Die kalte Sonne"? (Analyse, PDF)
- klimafakten.de: Überblicksseite zur Buchanalyse
- Wikipedia: Gerd Ganteför
- Energiewende Rocken: Fachkritik an Ganteförs Aussagen zur Energiewende
- Wikipedia: Sebastian Lüning
- klimafakten.de: Wissenschaftsleugnung im neuen Gewand
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