Ladefreunde-Blog · Desinformation und Interessen

Zweifel als Produkt

3. August 2026 6 min Lesezeit Ladefreunde-Blog

Im vorigen Teil ging es um ein Zeitfenster: die Lücke zwischen einem Ereignis und seiner geprüften Erklärung. Wer sie füllt, bestimmt, was hängenbleibt. Bleibt die Frage, warum jemand das planmäßig tun sollte.

Die Antwort ist älter als jede Energiedebatte. Sie stammt aus der Tabakindustrie, und sie steht in einem internen Papier von 1969 in bemerkenswerter Klarheit: Zweifel sei das eigene Produkt, denn Zweifel sei das beste Mittel gegen den Bestand an Fakten im Kopf der Öffentlichkeit.

Historische Zeitungsanzeige für Piccadilly-Zigaretten, in der ein Arzt die Marke empfiehlt

Foto: Zeitungsanzeige für Piccadilly-Zigaretten — ein Arzt empfiehlt die Marke. Die Autorität der Wissenschaft als Werbemittel. — via Wikimedia Commons — CC BY 4.0 / Wellcome Collection

Der entscheidende Punkt an dieser Strategie: Sie muss nichts beweisen. Sie muss nur den Eindruck erzeugen, die Sache sei offen. Wer eine Regulierung verhindern will, braucht keine Mehrheit für seine Position. Es genügt, wenn genug Menschen glauben, man wisse es noch nicht genau.

Eine Organisation, zwei Produkte

Das Heartland Institute wurde 1984 in Chicago gegründet. In den neunziger Jahren arbeitete es für den Tabakkonzern Philip Morris und zog den Zusammenhang zwischen Rauchen und Gesundheitsschäden in Zweifel. Rund 395.000 Dollar flossen dafür von Philip Morris. Zahlungen des Nachfolgekonzerns Altria und des Konkurrenten Reynolds American laufen bis in die Gegenwart.

Historisches Zigaretten-Werbeplakat für Chesterfield

Foto: Zigarettenwerbung aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dieselben Apparate, die den Zweifel am Tabak organisierten, organisierten später den Zweifel am Klima. — via Wikimedia Commons — Public domain / Charles Edward Chambers, Liggett & Myers Tobacco

Ab den 2000er Jahren wechselte das Produkt, die Methode blieb. Mindestens 676.500 Dollar erhielt Heartland seit 1998 von ExxonMobil; der Konzern erklärte 2008, die Finanzierung solcher Gruppen einzustellen. Aus dem Umfeld der Koch-Stiftungen weist Heartland Zuwendungen selbst aus, etwa 25.000 Dollar der Charles G. Koch Foundation im Jahr 2012.

Seit einem Datenleck im Jahr 2012 nennt Heartland keine Einzelspender mehr. Die Begründung steht auf der eigenen Website und ist aufschlussreich: Die Offenlegung habe es Menschen, die anderer Meinung sind, erlaubt, das Institut als von bestimmten Spendern bezahlt darzustellen. Seither läuft Geld über Weiterleitungsstiftungen wie Donors Trust und den National Philanthropic Trust, die die Herkunft anonymisieren.

Zur Größenordnung des Umfelds: Charles und David Koch haben seit 1997 über 88 Millionen nachverfolgbare Dollar in Organisationen gegeben, die Klimaforschung angreifen. Das Cato Institute wurde 1977 von Charles Koch mitgegründet, Americans for Prosperity von David Koch, der 2019 gestorben ist; allein in den US-Kongresswahlkampf 2010 flossen darüber 40 Millionen Dollar. Eine Greenpeace-Auswertung von 2010 kam auf über 67 Millionen Dollar und bezeichnete das Netzwerk als größten Einzelfinanzier von Klima-Desinformation — vor ExxonMobil.

Die deutsche Filiale

2007 wurde in Deutschland das Europäische Institut für Klima und Energie gegründet, kurz EIKE. Der Name klingt nach Forschungseinrichtung. Es handelt sich um einen eingetragenen Verein ohne eigene Forschung und ohne begutachtete Veröffentlichungen. Eine wissenschaftliche Fallstudie von 2022 hat Output und Presseresonanz des Vereins systematisch untersucht und beschreibt ihn als zentralen Akteur der deutschen Szene, die Klimaforschung bestreitet.

Bemerkenswert ist die personelle Verzahnung mit einer Bundestagsfraktion. Der Vizepräsident des Vereins, Michael Limburg, war Mitarbeiter im Büro des AfD-Bundestagsabgeordneten Karsten Hilse, wirkte am klimapolitischen Teil des AfD-Programms mit, kandidierte 2017 auf der Brandenburger Landesliste und leitet den AfD-Landesfachausschuss für Energie, Klima, Technik und Digitalisierung in Brandenburg. Der Pressesprecher des Vereins, Horst-Joachim Lüdecke, wurde 2019 von der AfD als Sachverständiger in den Umweltausschuss des Bundestages geladen.

Plenarsaal des Deutschen Bundestages im Reichstagsgebäude

Foto: Der Plenarsaal des Deutschen Bundestages. Sachverständige in den Ausschüssen benennen die Fraktionen. — via Wikimedia Commons — CC BY 3.0 / Andreas Praefcke

Was die Recherche von 2020 zutage gefördert hat

Im Februar 2020 veröffentlichten Correctiv und Frontal21 eine Recherche mit dem Titel „The Heartland Lobby". Reporter gaben sich als potenzielle Geldgeber aus und dokumentierten, wie das Institut in Deutschland arbeiten wollte.

Der Chefstratege des Instituts, James Taylor, legte ein dreiseitiges Strategiepapier für Deutschland vor und sagte zu, Konferenzen von EIKE weiter zu finanzieren. Er nannte ein EIKE-Budget von 200.000 Euro; der Verein bestreitet diese Summe. EIKE-Vizepräsident Limburg bestätigte auf Nachfrage eine „lose Verbindung" sowohl zu Heartland als auch zur ebenfalls US-amerikanischen Gruppe CFACT. Beide Organisationen haben je über 500.000 Dollar von ExxonMobil erhalten, dazu Mittel aus dem Umfeld der Familien Mercer und Koch.

Zwei Details aus dieser Recherche sind wichtiger als alle Zahlen.

Erstens die Methode. Über die geplante Medienproduktion sagte man intern, man mache es so, als wäre es für die New York Times oder ein anderes linkes Blatt geschrieben. Das Ziel ist also nicht, wie eine Kampagne auszusehen, sondern wie Journalismus. Das Portal klimafakten.de beschreibt diese Entwicklung als Wissenschaftsleugnung im neuen Gewand: Die Desinformation gibt sich seriöser, weil offene Leugnung nicht mehr funktioniert.

Zweitens die Personenmarke als Haushaltsposten. In dem Strategiepapier war der Aufbau einer damals neunzehnjährigen YouTuberin zur „neuen Galionsfigur" der Bewegung vorgesehen. Im Text hieß es, sie sei begierig, ihre Zuschauer gegen umweltpolitische Überregulierung zu lenken. Die Person wurde anschließend in Medien als Gegenfigur zu Greta Thunberg vermarktet.

Man kann diesen Vorgang auf verschiedene Weise bewerten. Bemerkenswert bleibt er in jedem Fall: Eine öffentliche Stimme, die als spontane Meinungsäußerung einer jungen Frau wahrgenommen werden sollte, war zuvor eine Zeile in einem Finanzierungsantrag.

Warum das keine Geschichte über das Klima ist

Es geht in diesem Text an keiner Stelle darum, ob die Klimaforschung recht hat. Das ist eine andere Debatte, und sie wird an anderer Stelle geführt.

Es geht um einen Apparat, der ein wirtschaftliches Interesse in öffentliche Zweifel übersetzt, und über dessen Finanzierung ungewöhnlich viel bekannt ist — Steuerunterlagen, ein Datenleck, Gerichtsdokumente aus den Tabakverfahren, eine verdeckte Recherche. Wer wissen will, warum sich falsche Ursachenzuschreibungen so zäh halten, findet hier einen Teil der Antwort: Es gibt Organisationen, deren Zweck genau das ist, und es gibt Geld dafür.

Für unsere Arbeit hat das eine sehr konkrete Folge. Wenn wir vorschlagen, abgeregelten Strom in Autobatterien zu leiten statt ihn verfallen zu lassen, ist das eine technische und ordnungspolitische Frage. Sie wird aber in einem Raum verhandelt, in dem seit Jahren Zweifel als Produkt vertrieben wird. Deshalb bekommt man auf eine Frage zur Netzauslastung eine Antwort über einen spanischen Stromausfall, dessen Abschlussbericht das Gegenteil sagt.

Im nächsten Teil geht es um Menschen, die diesen Weg gegangen sind — vom Umweltschutz in den Konzernvorstand und von dort in die Zweifelsproduktion.

Quellen

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