Ein Funke am Windrad. Stimmt das?
In den Nachrichten lief dieser Tage eine Meldung: Ein Funke an einer Windkraftanlage habe den Großbrand nordwestlich von Athen ausgelöst.
Stimmt das?
Fast. Und dieses „fast" ist die ganze Geschichte.
Foto: Satellitenaufnahme von Bränden in Ostattika. Die Aufnahme stammt aus dem August 2024, die Lage wiederholt sich. — via Wikimedia Commons — Public domain / MODIS Land Rapid Response Team, NASA GSFC
Was die griechische Untersuchung ergeben hat
Die Sachverständigenuntersuchung kommt zu diesem Ergebnis: In einem privaten Netz zur Übertragung von Strom aus Windkraftanlagen gerieten die Leiterseile in Schwingung. Die dabei entstehenden Funken fielen zu Boden und entzündeten das Feuer, das sich von Böotien bis nach Attika ausbreitete.
Und dann wird die Meldung sehr konkret. Festgenommen wurden zwei Menschen:
- der Elektroingenieur, der Planung und Bauüberwachung des Netzes unterschrieben hat,
- der Bauunternehmer, der das Netz errichtet hat.
Der Vorwurf lautet Brandstiftung mit bedingtem Vorsatz, und zwar als Verbrechen. Nach dem Eigentümer der Windparkgesellschaft wird gefahndet. Die Ermittlung richtet sich ausdrücklich auf die Verantwortlichen für Planung, Bau, Überwachung und den ordnungsgemäßen Betrieb dieses privaten Netzes.
Es geht also um eine Anlage, die jemand geplant, jemand gebaut, jemand abgenommen und jemand betrieben hat. Vier Rollen, drei Beschuldigte, ein Strafverfahren.
Wie das in Griechenland ankommt
Die griechischen Schlagzeilen nennen die Windkraft durchaus. Aber sie stellen etwas anderes nach vorn.
Bei Ethnos heißt es sinngemäß: „Feuer in Böotien und Attika: Zwei Festnahmen — Funken von Windkraftanlagen lösten die Feuersbrunst aus." Bei Tribune.gr: „Das große Feuer begann an einem privaten Netz zur Übertragung von Strom aus Windkraftanlagen."
Das Subjekt des Satzes ist dort ein Netz, das jemandem gehört, und ein Mensch, der etwas unterschrieben hat. Die Geschichte läuft weiter in Richtung Bauausführung, Abnahme, Aufsicht und Haftung. Sie ist eine Geschichte über Sorgfaltspflichten.
Wie das hier ankommt
In den deutschsprachigen Weiterverwertungen, die wir gefunden haben, sieht derselbe Vorgang so aus:
„Waldbrand in Griechenland durch Funken von Windradkabel ausgelöst"
„Windpark-Kabel lösen verheerenden Großbrand westlich von Athen aus"
„Windrad-Kabel soll Feuer ausgelöst haben"
„‚Grüne' Gefahr: 10.000 Hektar Wald in Griechenland durch Funken von Windradkabel zerstört"
Man kann den Weg Schritt für Schritt nachzeichnen, und jeder einzelne Schritt für sich wirkt harmlos:
- Aus dem Ingenieur, dem Bauunternehmer und dem Betreiber wird das Kabel. Die handelnden Personen verschwinden.
- Aus dem Kabel wird das Windrad. Das Bauteil, das gezündet hat, verschwindet.
- Aus dem Windrad wird die „grüne" Gefahr. Aus einem Bauwerk wird eine Kategorie.
Am Anfang der Kette steht eine Unterschrift unter einer Bauüberwachung. Am Ende steht eine Technologie. Dazwischen ist nichts hinzuerfunden worden — es ist nur bei jedem Schritt etwas weggelassen worden.
Der schwierigere Fall: ein Satz, an dem alles stimmt
Die Beispiele oben sind leicht zu kritisieren. Interessanter ist ein Satz, an dem sich nichts bemängeln lässt. Die Tagesschau schreibt:
„Als wahrscheinliche Ursache des Großbrandes gelten Funken an Stromleitungen eines privaten Windpark-Netzes"
Das ist korrekt. Es steht dort Stromleitungen, nicht Windrad. Es steht dort privat, es steht dort Netz, und es steht dort wahrscheinlich. Diese Formulierung ist präziser als alles, was in den Beispielen davor stand. Wer sie schrieb, hat sauber gearbeitet.
Und trotzdem passiert etwas. Drei Dinge, alle unabhängig von der Absicht.
Erstens: Niemand handelt. Der Satz hat kein Subjekt, das etwas tut. Funken gelten als Ursache. In der Sprachwissenschaft heißt dieses Verfahren Deagentivierung: Passivierung und Nominalisierung tilgen den Handelnden, weil ein Substantiv keinen Urheber braucht. Aus „eine Firma hat eine Leitung so gebaut und gewartet, dass sie bei Sturm Funken schlägt" wird „Funken an Stromleitungen". Der Ingenieur, der Bauunternehmer, die Festnahmen, der Haftbefehl — nichts davon kommt in dem Satz vor.
Zweitens: Nur ein Wort ist markiert. „Stromleitungen" ist Hintergrund, die kennt jeder und niemand denkt darüber nach. „Privat" und „Netz" sind Verwaltungsvokabeln. „Windpark" ist das einzige Wort im Satz, das eine politisch besetzte Kategorie benennt. In einem Satz, in dem niemand handelt, wird das auffälligste Substantiv zum Handelnden. Nicht weil es dort steht, sondern weil sonst nichts dort steht.
Drittens: Wir merken uns nicht den Satz. Valerie Reyna und Charles Brainerd haben mit der Fuzzy-Trace-Theorie beschrieben, dass Menschen eine Information doppelt speichern: einmal wortgetreu, einmal dem Sinn nach. Beides entsteht gleichzeitig, aber beim Erinnern und Urteilen verlassen sich Erwachsene fast immer auf die zweite Version, die dem Sinn nach. Bei einer Radiomeldung, die man einmal im Vorbeigehen hört, ist der genaue Wortlaut nach ein paar Minuten weg.
Was bleibt, ist der grobe Inhalt. Und der lautet hier: Windpark, Feuer. „Wahrscheinlich", „privat" und „Stromleitungen" gehören zu dem, was zuerst verschwindet. Es sind die Einschränkungen, und Einschränkungen merkt sich fast niemand.
Die Gegenprobe
Man kann das prüfen. Stellen Sie sich dieselbe Meldung vor, wenn die Leitung ein Gaskraftwerk angebunden hätte:
„Als wahrscheinliche Ursache gelten Funken an Stromleitungen eines privaten Gaskraftwerk-Netzes."
Diesen Satz liest man nirgends. Dort hieße es schlicht „an einer Stromleitung". Der Zusatz steht immer dann da, wenn er die Meldung interessanter macht.
Und damit ist man an dem Punkt, für den es keine einfache Lösung gibt. Ohne das Wort „Windpark" würde die Meldung kaum jemand wahrnehmen. „Funken an einer Stromleitung lösten einen Waldbrand aus" ist keine Nachricht, so etwas passiert ständig. Erst der Windpark macht daraus etwas, das gelesen und gesendet wird. Die Rahmung ist also nicht heimlich eingebaut worden — sie ist der Grund, warum die Meldung überhaupt in die Nachrichten kam.
Das lässt sich nicht durch guten Willen lösen. Aber durch Vollständigkeit. Ein einziger Satz mehr — wer festgenommen wurde und weswegen — und es bliebe etwas anderes hängen: nicht „Windpark verursacht Brand", sondern „schlecht gebautes Netz, zwei Festnahmen".
Eine Meldung kann also stimmen und trotzdem den falschen Eindruck hinterlassen. Das ist kein Widerspruch, sondern der Normalfall.
Der Unterschied, auf den es ankommt
Foto: Eine Freileitung transportiert Strom. Woher er kommt, sieht man ihr nicht an. — via Wikimedia Commons — CC BY 3.0 / Corey Coyle
Gebrannt hat nicht die Turbine. Gebrannt hat eine Freileitung, deren Leiterseile bei Sturm schwangen, weil sie offenbar nicht so gebaut oder gewartet waren, dass sie das aushalten.
Am 8. November 2018 riss an einer über hundert Jahre alten Übertragungsleitung des kalifornischen Versorgers PG&E ein Haken. Die Funken lösten das Camp Fire aus, den tödlichsten Waldbrand in der Geschichte Kaliforniens: 85 Tote, die Stadt Paradise praktisch ausgelöscht. Über diese Leitung floss Strom aus Wasserkraft und Gas.
Foto: Paradise, Kalifornien, acht Monate nach dem Camp Fire von 2018. Ausgelöst von einer Freileitung, über die Wasserkraft und Gas flossen. — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Frank Schulenburg
Eine Freileitung ist ein Draht unter Spannung über trockener Landschaft. Was am anderen Ende einspeist, ändert an ihrem Verhalten bei Sturm nichts. Was etwas ändert: Seildämpfer, Abstände zur Vegetation, Abschaltautomatik bei kritischer Wetterlage, Wartungsintervalle — und wer dafür geradesteht.
Aus dem Fall folgt also eine Forderung. Sie richtet sich nur an eine andere Adresse als die, die gerade genannt wird.
Einzelfall oder Muster?
Wer das für einen Ausrutscher hält, sollte sich vier abgeschlossene Fälle ansehen, bei denen die Untersuchung inzwischen vorliegt. Wir halten sie kurz, es geht hier nur um den Nachweis, dass es ein Muster ist.
Spanien, 28. April 2025. Der Strom fällt aus, binnen Stunden steht die Erklärung: zu viel Solar. Der Abschlussbericht eines Gremiums aus 49 Fachleuten erscheint am 20. März 2026 und benennt als primäre Ursache, dass konventionelle Synchrongeneratoren die Spannung nicht ausreichend gehalten haben. Der Vorsitzende Damián Cortinas: „The problem is not renewable energy, but voltage control, regardless of the type of generation."
Autofrachter Fremantle Highway, Juli 2023. Am ersten Tag: ein Elektroauto sei schuld. Die Bergung zeigt: Die zerstörten oberen vier Decks trugen keine Elektroautos, die weitgehend unversehrten unteren Decks dagegen rund fünfhundert. Die Brandursache ist bis heute offiziell nicht geklärt.
Parkhaus Flughafen Stavanger, Januar 2020. Weltweit als Elektroauto-Brand gemeldet. Polizeibefund: Brandherd war ein Diesel-Pkw, Baujahr 2005.
Texas, Februar 2021. Im Fernsehen laufen eingefrorene Windräder als Ursache. Die Auswertung der Universität Texas: Rund zwei Drittel des Erzeugungsdefizits entfielen auf Erdgas, das über 18 Gigawatt unter Erwartung lag. Windräder froren tatsächlich ein — sie waren nur nicht der Grund, warum das Netz zusammenbrach.
Und nun die Zahl, um die es eigentlich geht — der Abstand zwischen der Erklärung und dem Befund:
| Fall | Erklärung im Umlauf | Belastbarer Befund | Abstand |
|---|---|---|---|
| Stavanger | Tag 1 | Polizeibefund: Diesel-Pkw | Tage |
| Texas | Tag 1 | UT-Austin-Auswertung: Gasausfall | Monate |
| Fremantle Highway | Tag 1 | Bergungsbefund; Ursache bis heute offen | Wochen bis offen |
| Spanien | nach Stunden | ENTSO-E-Bericht, 20. März 2026 | elf Monate |
Wie das Handwerk heißt
Für das, was hier passiert, gibt es keine einzelne Vokabel. Es gibt vier, und sie greifen ineinander.
Framing. Der Begriff geht auf Robert Entman zurück: Aus einem Sachverhalt wird ausgewählt und hervorgehoben, was zur gewünschten Ursachendeutung passt. Shanto Iyengar hat gezeigt, dass die Rahmung darüber entscheidet, wem Menschen die Verantwortung zuschreiben. Genau das passiert zwischen Athen und Berlin: Derselbe Vorgang, einmal mit Ingenieur und Bauunternehmer im Satz, einmal mit einer Technologie.
Data Void. Michael Golebiewski und danah boyd beschreiben damit die Situation, in der die Nachfrage nach Information zu einem Thema hoch ist und belastbare Information fehlt. Genau dann arbeiten Manipulatoren schnell und füllen die Lücke. Jede Katastrophe erzeugt so eine Lücke, verlässlich, für Tage bis Monate.
Continued Influence Effect. Der wohl unangenehmste Befund, ausführlich beschrieben von Stephan Lewandowsky und Kolleginnen: Wer eine Fehlinformation aufgenommen hat, zieht auch nach einer klaren und glaubwürdigen Korrektur weiterhin Schlüsse aus ihr. Die Korrektur löscht nicht, sie legt sich daneben. Deshalb ist Aussitzen eine funktionierende Strategie — man muss die Korrektur nicht bekämpfen, es genügt, dass sie später kommt und leiser ist.
Agnotologie. Der Wissenschaftshistoriker Robert Proctor prägte den Begriff für gezielt erzeugtes Nichtwissen — Zweifel nicht als Nebenwirkung, sondern als Produkt. Damit ist man bei der Frage, wer so etwas betreibt und wer es bezahlt.
Dazu kommen die beiden Begriffe aus dem Abschnitt über die Tagesschau-Zeile: Deagentivierung für das Verschwinden des Handelnden aus dem Satz und die Fuzzy-Trace-Theorie für den Grund, warum von einer Meldung die Einschränkungen als Erstes abfallen und die Kategorie übrig bleibt.
Im Alltagsdeutsch gibt es ein Wort, das alles ganz gut zusammenfasst: Deutungshoheit. Wer den ersten Satz sagt, hat sie.
Diese Begriffe und drei weitere — Nachrichtenwert, Illusory Truth Effect und Astroturfing — haben wir mit Urhebern, Beispielen und Quellen auf einer eigenen Seite gesammelt. Dort steht auch, was nach heutigem Forschungsstand dagegen hilft.
→ Mechanismen zur Meinungsmache und Manipulation
Warum wir das thematisieren
Wir sind keine Klimaorganisation. Wir arbeiten an einer engen, technischen Frage: Strom, der ohnehin erzeugt würde und heute abgeregelt wird, soll in Autobatterien fließen dürfen statt zu verfallen.
Deshalb ist das für uns eine Vorfrage und kein Nebenthema.
Quellen
- Ethnos: Zwei Festnahmen, Funken von Windkraftanlagen lösten den Brand aus (griechisch)
- Tribune.gr: Das große Feuer begann an einem privaten Übertragungsnetz von Windkraftanlagen (griechisch)
- Imerodromos: Von Windkraft-Kabeln ging der Brand in Böotien und Attika aus (griechisch)
- GreekReporter: Attica Mega Fire (englisch, 02.08.2026)
- Detroit News: Greek crews fight wildfire northwest of Athens for fourth day (03.08.2026)
- ENTSO-E: Expert Panel Final Report zum Blackout vom 28. April 2025 (20.03.2026)
- Onderzoeksraad voor Veiligheid: Untersuchung zur Fremantle Highway
- electrive: Elektroautos auf der Fremantle Highway weitgehend unversehrt
- University of Texas at Austin: Timeline and Events of the February 2021 Texas Blackout (PDF)
- InsideEVs: Nicht ein Elektroauto, sondern ein Diesel-Opel verursachte den Flughafenbrand
- Data & Society: Data Voids — Where Missing Data Can Easily Be Exploited (PDF)
- Lewandowsky et al.: Misinformation and Its Correction — Continued Influence and Successful Debiasing
- tagesschau.de: Waldbrände in Griechenland (zitierte Passage zur Brandursache)
- Brainerd & Reyna: Fuzzy-Trace Theory and False Memory
- Reisigl: Kritische Diskursanalyse — zu Passivierung und Nominalisierung als Verfahren der Deagentivierung (PDF)
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