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Was der ganze Algenteppich als Flugbenzin hergäbe — und was ein Jahr Abregelung

2. August 2026 9 min Lesezeit Ladefreunde-Blog

Was der ganze Algenteppich als Flugbenzin hergäbe — und was ein Jahr Abregelung

Satellitenaufnahme des Great Atlantic Sargassum Belt im Atlantik zwischen Westafrika und der Karibik

Grafik: Der Great Atlantic Sargassum Belt aus dem Orbit — aufgenommen 2026, im Jahr des bisher stärksten gemessenen Anfalls — via Wikimedia Commons — Public domain / NASA Earth Observatory, Lauren Dauphin

Nachdem wir über die Algenplage im Atlantik geschrieben haben, kam die naheliegende Rückfrage: Warum eigentlich nur einsammeln, was am Strand landet? Da draußen treiben Millionen Tonnen Biomasse. Nasse Biomasse lässt sich vergären oder unter Druck verflüssigen, daraus wird Methanol, daraus wird Kerosin — und die Luftfahrt sucht seit Jahren nach einem Rohstoff, der niemandem etwas wegnimmt.

Die Frage ist gut. Wir haben sie durchgerechnet. Das Ergebnis führt an einen Punkt, an dem es nicht mehr um Algen geht.

Wie viel da draußen wirklich schwimmt

Im Juni 2026 trieben rund 33,6 Millionen Tonnen Algenmasse im atlantisch-karibischen Becken — der höchste Wert seit Beginn der Satellitenbeobachtung. Die Satelliten rechnen ihre Messung über einen Kalibrierwert um: 3,34 Kilogramm Sargassum je Quadratmeter bedeckter Fläche.

Aus diesen beiden Zahlen folgt etwas Unscheinbares, das später über alles entscheidet. 33,6 Millionen Tonnen bei 3,34 Kilogramm je Quadratmeter ergeben rund 10.000 Quadratkilometer tatsächliche Algenmatte — verteilt über mehrere Millionen Quadratkilometer offenen Ozean. Der Teppich ist kein Teppich. Er ist ein dünner Schleier aus Schwaden und Flecken, und die Bedeckung liegt meist im Bruchteil eines Prozents.

Von der Nassmasse sind etwa zehn Prozent Trockenmasse, davon wiederum ein Viertel Asche. Bleiben 2,5 Millionen Tonnen organische Substanz — der Stoff, aus dem sich etwas machen ließe.

Zwei Wege, ein Ergebnis

Für nasse Biomasse kommen zwei Verfahren in Frage. Vergären liefert Methan, das über Methanol zu Kerosin wird — ein Weg, der seit Mitte 2026 auch zugelassen ist, die zuständige Normungsorganisation hat das Methanol-zu-Kerosin-Verfahren freigegeben. Nassverflüssigung presst die Biomasse bei 350 Grad und 200 bar direkt zu einem Rohöl-Ersatz.

Die Vergärung erfasst nur, was die Bakterien verdauen können, und Sargassum wehrt sich: Schwefel vergiftet die Methanbildner, Polyphenole und zähe Fasern bleiben liegen. Von dem Kohlenstoff in der organischen Substanz landen so 28 Prozent im Methan. Die Nassverflüssigung knackt auch das Widerspenstige und holt 42 Prozent ins Öl — dafür verliert sie den Stickstoff, den die Vergärung als Dünger im Gärrest behält.

Am Ende der Kette stehen beide Wege fast gleichauf:

Weg Kerosin Nebenprodukte
Vergären → Methanol → Kerosin ~268.000 t Gärrest, CO2
Nassverflüssigung → Aufbereitung ~220.000 t 180.000 t Naphtha und Diesel

Rund eine Viertelmillion Tonnen Flugkraftstoff aus dem gesamten Atlantik-Gürtel.

Was eine Viertelmillion Tonnen ist

Die Welt verbraucht im Jahr rund 360 Millionen Tonnen Kerosin. Eine Viertelmillion davon sind 0,07 Prozent — ein Vierzehnhundertstel. Ein Kurzstreckenflugzeug vom Typ A320 verbrennt im Liniendienst etwa 7.000 Tonnen im Jahr; der ganze Gürtel trüge also rund 36 Flugzeuge.

Fair in die andere Richtung: Gemessen an der weltweiten Produktion nachhaltiger Flugkraftstoffe, die 2025 bei 1,9 Millionen Tonnen lag, wären 250.000 Tonnen ein Zuwachs von 13 Prozent. In diesem noch kleinen Markt wäre es also durchaus etwas. Am Bedarf gemessen verschwindet es.

Entladung eines Algenfängers im Hafen von Lanildut in der Bretagne

Foto: So sieht Algenernte heute aus — ein Goémonier wird im bretonischen Hafen Lanildut entladen. Von hier bis zu einer Flotte, die den Atlantik abfährt, ist es weit — via Wikimedia Commons — CC BY 4.0 / Xavier Caisey

Die Bergung entscheidet alles

Im Produkt stecken rund 10 Petajoule Energie. Dagegen steht, was hineingesteckt werden muss — und hier zeigt sich, warum die Geometrie vom Anfang wichtig war.

Fährt eine Flotte gezielt in die dichten Schwaden, satellitengeführt, braucht es nach unserer Rechnung rund 156 Spezialschiffe über eine Saison von vier Monaten, und ihr Treibstoff frisst etwa 61 Prozent der Produktenergie. Muss dieselbe Flotte die Fläche absuchen, weil die Schwaden zu dünn verteilt sind, werden daraus 1.870 Schiffe — und der Treibstoff übersteigt die Produktenergie um mehr als das Siebenfache.

Dazwischen liegt Faktor zwölf, und niemand hat es im Maßstab je versucht.

Dazu kommen der Transport an Land, bei dem man zu neun Zehnteln Wasser verschifft, die Prozesswärme und der Wasserstoff für die Aufbereitung. Rechnet man zusammen:

Fall Energierückfluss
Gezielt, Verarbeitung an Bord, Wasserstoff aus Überschussstrom ~1,2
Gezielt, Verarbeitung an Land ~0,85
Flächiges Absuchen ~0,13

Zum Vergleich: Ölförderung liefert das Zehn- bis Zwanzigfache dessen, was sie kostet, Windkraft das Zwanzig- bis Fünfzigfache, Photovoltaik das Zehn- bis Dreißigfache. Ein Verfahren, das bei eins herauskommt, ist keine Energiequelle. Es ist ein Umtausch, bei dem am Schalter ungefähr so viel liegen bleibt, wie hereinkommt.

Was es kosten würde

Eine Flotte von 156 Spezialschiffen kostet in der Größenordnung fünf bis acht Milliarden Dollar, die Verarbeitungsanlagen zwei bis dreieinhalb weitere. Dem stehen bei heutigen Preisen für nachhaltigen Flugkraftstoff etwa 500 Millionen Dollar Jahreserlös gegenüber — während allein der laufende Betrieb, Treibstoff und Besatzung für 156 Schiffe, das Doppelte verschlingt. Der Kraftstoff müsste rund das Dreifache des heutigen Preises für nachhaltiges Kerosin bringen, damit die Rechnung aufgeht.

Und dann ist da die Saison. Der Gürtel existiert vier bis fünf Monate im Jahr. Anlagen, die auf die Spitze ausgelegt sind, stehen den Rest der Zeit still. Puffern geht nicht — Sargassum verrottet binnen Tagen, es gibt kein Silo für 33 Millionen Tonnen nasse Algen.

Der Stoff, über den niemand spricht

Sargassum reichert Arsen an. Bei den gemessenen Gehalten enthielte die Jahresernte zwischen 165 und 730 Tonnen Arsen — es verschwindet nicht im Prozess, es wandert in den Rückstand und konzentriert sich dort auf. Zur Einordnung: Das ist ein halbes bis zwei Prozent der Weltproduktion dieses Stoffes, und zwar als Abfallstrom, für den es keinen Verwertungsweg gibt.

Dazu gingen rund eine Million Tonnen Meersalz durch die Anlagen. Salz zerfrisst Stahl und vergiftet Katalysatoren.

Und dann der Einwand, der über allem steht

Zwischen zwei Handlungen liegt ein Unterschied, den die Erzählung vom Problem, aus dem ein Rohstoff wird, geräuschlos verwischt.

Einsammeln, was an den Strand gespült wird, ist Abfallwirtschaft. Es liegt da, es stinkt, es muss ohnehin weg.

Den Gürtel auf offener See abernten ist der Abbau eines Ökosystems. Der Teppich ist Kinderstube junger Meeresschildkröten und Lebensraum von Arten, die nirgendwo sonst vorkommen. Und die Arbeit, die den Gürtel als CO2-Senke durchgerechnet hat, fand nebenbei: Der Kühleffekt des zurückgeworfenen Sonnenlichts ist womöglich größer als seine CO2-Wirkung. Man würde also unter Umständen einen Kühleffekt beseitigen, um 0,07 Prozent des Kerosinbedarfs zu decken.

Verkehrsflugzeug wird am Flughafen Zürich betankt

Foto: Am Ende der Kette steht dieser Schlauch. Die Frage ist nur, woher der Kohlenstoff kommt, der hindurchfließt — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Stimpy

Die Zahl, auf die alles hinausläuft

An einer Stelle der Rechnung steht ein Posten, der uns beim Nachrechnen stutzig gemacht hat. Die Aufbereitung des Algenöls braucht Wasserstoff — rund 23.000 Tonnen, das sind 1,27 Terawattstunden Strom.

In Deutschland wurden 2024 9,4 Terawattstunden Wind- und Sonnenstrom abgeregelt. Nicht verbraucht, nicht gespeichert, nicht exportiert: gar nicht erst erzeugt, weil die Leitung fehlte. Der Wasserstoff für die gesamte Atlantik-Ernte wäre also gut ein Siebtel dessen, was wir in einem einzigen Jahr wegwerfen.

Dreht man die Rechnung um, wird daraus die eigentliche Antwort. Nimmt man die vollen 9,4 Terawattstunden und macht daraus Wasserstoff, kommt man auf rund 171.000 Tonnen. Für synthetisches Kerosin braucht es etwa 0,43 Tonnen Wasserstoff je Tonne Kraftstoff. Das ergibt:

Rund 400.000 Tonnen Kerosin aus einem einzigen Jahr deutscher Abregelung — gegenüber 250.000 Tonnen aus dem gesamten Atlantik-Gürtel.

Ohne Flotte. Ohne Hochsee. Ohne Arsen. Ohne Saison. Und im nächsten Jahr wieder, weil der Überschuss nachwächst, während ein abgeernteter Gürtel das nicht tut.

Der Kohlenstoff dafür muss aus einer konzentrierten Quelle kommen — Biogasanlage, Zementwerk, Müllverbrennung. Das ist die offene Frage, und sie ist um Größenordnungen leichter zu beantworten als eine Erntflotte im Atlantik.

Was daraus folgt

Wir sind mit der Frage losgezogen, ob ein Abfallstoff die Luftfahrt versorgen kann, und stehen jetzt vor dem Ergebnis: Abfall ist endlich. Er fällt genau in der Menge an, in der er stört — und die ist, gemessen am Weltverbrauch, jedes Mal winzig. Das gilt für Algen wie für Altspeiseöl und Reststroh.

Was nicht endlich ist, ist die Mittagsstunde, in der mehr Strom im Netz ist, als gebraucht wird. Sie ist der einzige Posten in dieser ganzen Rechnung, von dem es mehr gibt als nötig, und der einzige, der von allein wächst.

Deshalb schreiben wir über abgeregelte Windräder und nicht über Algen. Nicht weil das Meer uninteressant wäre. Sondern weil die Rechnung immer an derselben Stelle endet: bei dem Überschuss, den wir bereits haben und trotzdem wegwerfen.

Die kleine Lösung bleibt dabei richtig. Was an den Stränden der Karibik anlandet, sollte man einsammeln, vor Ort vergären, das Gas verstromen und den Gärrest nach Arsen-Behandlung auf die Felder bringen. Richtiger Maßstab, richtiger Ort, echtes Problem gelöst. Nur eben keine Antwort auf die Luftfahrt.

Quellen und Rechenweg

Zum Rechenweg: Die Umrechnung von der Algenmasse bis zum Kerosin ist unsere eigene Überschlagsrechnung. Angenommen wurden zehn Prozent Trockenmasse, ein Viertel Asche, 236 Milliliter Methan je Gramm organischer Trockenmasse nach Vorbehandlung, 20 Prozent Ölausbeute bei der Nassverflüssigung sowie Kohlenstoffverluste von je etwa 15 Prozent bei Methanol-Synthese und Kerosin-Herstellung. Die Flottengröße unterstellt ein Schiff, das 150 Tonnen je Stunde bei halbem Einsatzgrad über eine Saison von 120 Tagen sammelt. Die Kostenangaben sind Größenordnungen, keine Kalkulation. Der empfindlichste Posten der ganzen Rechnung ist die Bergungsenergie — dafür gibt es bis heute keine Feldmessung, auf die man sich stützen könnte.

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