Wie man eine Umfrage baut, die nur eine Antwort zulässt
Zwischen dem 12. Juni und dem 27. Juli 2026 hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefragt, wie Deutschlands Energie- und Klimapolitik von 2031 bis 2040 aussehen soll. Das Instrument war ein Online-Fragebogen mit elf Schritten. Wir haben ihn vollständig durchgearbeitet, Frage für Frage, und dabei etwas gelernt, das über diesen einen Fragebogen hinausgeht: Man kann eine Befragung vollkommen sachlich formulieren und trotzdem so bauen, dass bestimmte Antworten nicht hineinpassen.
Grafik: Eine Ankreuzliste beantwortet nur die Fragen, die auf ihr stehen. — via Wikimedia Commons — CC0 / moteoo
Vorweg, weil es zur Redlichkeit gehört: Der Bogen macht vieles richtig. Die Skalen sind symmetrisch aufgebaut, mit neutraler Mitte und gleichmäßig abgestuften Bezeichnungen. Es gibt keinen Antwortzwang — im Gegenteil, die Einleitung ermutigt ausdrücklich zum Überspringen. Zu jeder Frage existiert eine Fassung in Einfacher Sprache. Auftraggeber und Auftragnehmer sind benannt, die Löschung der E-Mail-Adresse ist zugesagt. Das ist mehr Sorgfalt, als man in vielen Beteiligungsverfahren findet.
Und trotzdem.
Eine Umfrage, die als Konsultation verwendet wird
Der Kern des Problems ist eine Gattungsverwechslung. Eine Umfrage will zählbare Antworten und muss dafür Optionen anbieten, die vollständig und ausgewogen sind. Eine Konsultation will begründete Positionen und muss dafür Platz zum Begründen geben.
Dieser Fragebogen enthält rund 90 Ankreuzentscheidungen und zwei Freitextfelder mit zusammen 1.000 Zeichen. Wir haben alle acht Themenschritte auf ihre Formularfelder hin geprüft: Nur in Schritt 3 und Schritt 5 gibt es je ein Textfeld, dazu zwei kleine „Sonstige"-Felder. Sonst nichts.
Das erklärt eine Erfahrung, die uns mehrere Unterzeichnende geschildert haben: Man liest eine Frage, findet die eigene Position nicht unter den Antworten — und kann das nirgends hinschreiben. Es ist keine Nachlässigkeit. Es ist die Bauform.
Wenn die Einleitung die Antwort schon enthält
Die Grundregel für Fragebögen lautet: Der Fragetext darf die Antwort nicht vorwegnehmen. Im Schritt zu den Stromnetzen steht vor der Frage dieser Satz:
„Um die Energieversorgung auch in Zukunft zu sichern, und die Stromkosten mittel- und langfristig zu senken, müssen Übertragungs- und Verteilernetze angepasst und ausgebaut werden."
Unmittelbar danach wird gefragt, ob die Bundesregierung das Tempo des Netzausbaus erhöhen soll. Die Notwendigkeit des Ausbaus ist zu diesem Zeitpunkt bereits als Tatsache gesetzt; zur Wahl steht nur noch das Tempo. Wer der Auffassung ist, dass zuerst die vorhandene Netzkapazität durch Lastverschiebung ausgenutzt werden sollte, findet dafür keine Frage — und auf diesem Schritt auch kein Freitextfeld.
Dasselbe Muster wiederholt sich. Der Wärme-Schritt stellt fest, Wärmenetze seien „eine sinnvolle Lösung", bevor er nach Grundsätzen fragt. Der Wasserstoff-Schritt stellt fest, es brauche „den Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur, beginnend mit einem Kernnetz", bevor er nach Einsatzfeldern fragt. In der Umfrageforschung heißt der Effekt Zustimmungstendenz: Wer eine Feststellung liest und danach bewerten soll, stimmt messbar häufiger zu.
Die Optionen, die es nicht gibt
Auffälliger als jede Formulierung ist, was systematisch fehlt. Bei den politischen Instrumenten stehen sechs Optionen zur Wahl — Regulierung, Förderung, marktliche Instrumente, Information, ein Mix, möglichst wenig Eingriffe. Alle sechs fügen etwas hinzu. Keine einzige nimmt etwas weg. Der Abbau bestehender Subventionen und Privilegien, seit Jahren als der günstigste verfügbare Hebel diskutiert, ist nicht auswählbar.
Bei den Zielen gibt es „Verringerung der Energieimporte" ausschließlich in der Variante „aus geopolitisch instabilen Regionen". Das ist ein Unterschied mit Folgen: Die eine Formulierung führt zu Elektrifizierung, die andere zum Lieferantenwechsel. Wer Importe in absoluter Höhe senken will, findet dafür kein Kästchen.
Und die Abregelung — jene rund 9,4 Terawattstunden Strom aus erneuerbaren Anlagen, die 2024 nicht erzeugt wurden, obwohl sie hätten erzeugt werden können, und für die Entschädigungen fällig werden — kommt im gesamten Fragebogen nicht vor. Weder unter den Herausforderungen der Versorgungssicherheit noch unter den Maßnahmen. Die günstigste ungenutzte Reserve des Systems ist im Instrument nicht vorgesehen.
Foto: Wenn die Leitung voll ist, wird abgeregelt — im Fragebogen kam das nicht vor. — via Wikimedia Commons — CC0 / Nylki
Zwei Skalen, die verschiedene Dinge messen
Der handwerklich schwerste Befund betrifft ausgerechnet die Einfache Sprache — also das, was der Bogen besser macht als andere. Die erste Frage zu den erneuerbaren Energien lautet im Standard:
„Im Vergleich zu heute, welche Rolle sollten erneuerbare Energien in der deutschen Energieversorgung spielen?"
Die Skala reicht von „eine geringere Rolle" bis „eine größere Rolle". In Einfacher Sprache lautet dieselbe Frage: „Wie wichtig sind in Zukunft erneuerbare Energien?" — mit einer Skala von „nicht wichtig" bis „sehr wichtig".
Das sind zwei verschiedene Konstrukte. Die eine Skala misst eine gewünschte Veränderung gegenüber heute, die andere eine absolute Wichtigkeit. Wer erneuerbare Energien für sehr wichtig hält, den heutigen Ausbaupfad aber für ausreichend, müsste in der einen Fassung eine 3 und in der anderen eine 5 ankreuzen. Beide Antworten landen in derselben Datenspalte. Weil nicht erhoben wird, welche Fassung jemand gelesen hat, lässt sich der Effekt nachträglich nicht einmal herausrechnen.
Effizienz als Verzichtsfrage
Im Effizienz-Schritt stehen sieben Aussagen zur Bewertung. Zwei davon lauten, Unternehmen sollten ihren Energieverbrauch senken, „selbst wenn das mit weniger Wachstum verbunden ist", und Bürger sollten das tun, „selbst wenn das mit Komforteinbußen verbunden ist".
Beide setzen als gegeben voraus, was strittig ist: dass Effizienz Wohlstand kostet. Tatsächlich senkt sie in aller Regel Kosten. Bestreitbar bleibt in dieser Formulierung nur noch die Opferbereitschaft, nicht die Prämisse. Zustimmung lässt sich später lesen als „die Befragten akzeptieren Einschränkungen", Ablehnung als „Effizienzpolitik hat keinen Rückhalt". Beide Lesarten schaden der Sache.
Im selben Schritt stehen übrigens zwei ausgesprochen starke Aussagen, über die kaum jemand stolpert: dass vor großen Infrastrukturinvestitionen geprüft werden soll, wie sich der Bedarf tatsächlich entwickelt — und das Prinzip „Efficiency First". Das sind die wirksamsten Bremsen gegen überdimensionierte Infrastruktur, die der ganze Bogen zu bieten hat.
Was gar nicht gefragt wurde
Für einen Plan mit Horizont 2040 sind einige Auslassungen schwer zu erklären.
Der Emissionshandel. ETS und ETS2 kommen nicht vor. ETS2 für Gebäude und Verkehr startet 2027 und ist damit für den gesamten Planungszeitraum das prägende Preisinstrument. Der CO₂-Preis erscheint nur als generisches Beispiel in Instrumentenlisten.
Der Verkehr. Kein eigener Schritt, keine eigene Frage. Wärme hat einen Schritt, Wasserstoff hat einen Schritt. Der Sektor mit der größten Ziellücke erscheint als eine von fünf Optionen unter „wo kann Wasserstoff eingesetzt werden".
Die Treibhausgasminderung selbst. Der Schritt heißt „Klimapolitik und Dekarbonisierung", fragt aber ausschließlich nach erneuerbaren Energien und deren Förderung.
Konsequenzen bei Zielverfehlung. Der Nationale Energie- und Klimaplan hat eine Monitoringfunktion; alle zwei Jahre steht ein Fortschrittsbericht an. Keine einzige Frage dazu, was geschehen soll, wenn Ziele verfehlt werden.
Was im Fragebogen fehlte, können Sie nachreichen
Emissionshandel, Verkehr, die Abregelung, der Abbau fossiler Subventionen — für all das gab es kein Kästchen. Auf unserer Seite gibt es eines. Auch dann, wenn Sie den Fragebogen ausgefüllt haben: Er bot zusammen 1.000 Zeichen Freitext.
Positionen auswählen →Der Bogen kann keine Rangfolge erzeugen
Alle Fragen sind Mehrfachauswahl oder Wichtigkeitsbewertung. Es gibt keine Rangfolge, keine Budgetzuteilung, kein einziges Item, das zwei Optionen gegeneinanderstellt. Etablierte Verfahren zur Prioritätserhebung kommen nicht zum Einsatz.
Das Ergebnis ist absehbar: Am Ende wird fast alles „eher wichtig" bis „sehr wichtig" sein. Ein Ergebnis ohne Rangfolge lässt sich in jede Richtung lesen — auch so, dass Netzausbau, Gasimport und Nachfrageflexibilität gleichermaßen Rückhalt genießen, obwohl sie um dieselben Mittel konkurrieren. Für eine Befragung, deren erklärter Zweck die Priorisierung für einen Zehnjahresplan ist, ist das der eigentliche Konstruktionsfehler.
Sechs Wochen, mitten im Sommer
Foto: Das Ministerium in Berlin, aufgenommen 2022 — damals noch für Wirtschaft und Klimaschutz, heute für Wirtschaft und Energie. — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Bärbel Miemietz
Die Befragung lief gut sechs Wochen. Die Europäische Kommission legt für ihre eigenen öffentlichen Konsultationen zwölf Wochen zugrunde. Die zweite Hälfte fiel in den Beginn der Sommerferien mehrerer Bundesländer. Angekündigt wurde sie auf der Ministeriumsseite als Satz innerhalb eines laufenden Artikeltexts. Die Verlängerung um drei Tage stand nur in einem Banner — im Fließtext des Fragebogens war bis zuletzt der ursprüngliche Termin zu lesen.
Wer öffentlich darauf hingewiesen hat, haben wir gesucht. Gefunden haben wir einen kommunalen Spitzenverband, ein lokales Bürgergremium, einen Gastgewerbeverband, eine Kurzmeldung des Bundestags-Pressedienstes und Fachberichterstattung hinter einer Bezahlschranke. Einen Teilnahmeaufruf der großen Umwelt- und Energieverbände haben wir nicht gefunden. Das ist ein Negativbefund aus öffentlicher Suche und kein Beweis — reine Newsletter-Inhalte ohne Web-Archiv tauchen dort nicht auf. Auffällig ist es trotzdem.
Was daraus folgt
Keiner dieser Punkte belegt für sich genommen eine Absicht. Fragebögen sind schwer zu bauen, und jeder einzelne Mangel kommt in der Praxis vor. In der Summe verschieben sie das Ergebnis allerdings gleichgerichtet: hin zu Ausbau von Angebot und Infrastruktur, weg von Nachfrageflexibilität, Substitution und Rückbau.
Genau deshalb ist es keine Kleinigkeit, wer so ein Verfahren ausfüllt. Aus einer Konsultation wird kein Gesetz — aber eine Begründungsgrundlage. In zwei Jahren steht in einem Papier „die Öffentlichkeitsbeteiligung hat gezeigt, dass …", und dann folgt ein Satz, der Milliarden bewegt.
Der Fragebogen ist inzwischen geschlossen. Die Fachadresse des Ministeriums ist es nicht, und der Entwurf des Plans wird gerade erst erarbeitet. Ob ein Beitrag, der jetzt eingeht, noch in die Auswertung der Konsultation einfließt, hat das Ministerium nicht mitgeteilt — wir wissen es nicht und behaupten es auch nicht.
Wir haben deshalb eine Seite gebaut, auf der sich in wenigen Minuten ein eigener Beitrag zusammenstellen lässt: acht Themen, jeweils mit dem, was gefragt wurde, dem, was fehlte, und Positionen zum Auswählen. Daraus entsteht ein zusammenhängender Brief, den man sich zuschicken lassen und aus dem eigenen Postfach an das Ministerium senden kann.
Ein Hinweis dazu, der uns wichtig ist: Bitte schreiben Sie mindestens einen Satz selbst. Wortgleiche Massenzuschriften werden in Konsultationen erkannt und getrennt ausgewertet. Ein eigener Gedanke ist der Unterschied zwischen einer Stimme und einer Kopie.
Wenn Sie es nicht geschafft haben
Den allermeisten ging es so. Sechs Wochen, mitten im Sommer, angekündigt in einem Absatz — das ist keine Frage von Trägheit, sondern von Reichweite. Wer erst am letzten Tag davon erfuhr, hat nichts falsch gemacht.
Genau das lässt sich aber schreiben. Es ist sogar der nützlichste Beitrag, den man leisten kann: dass man von einer öffentlichen Beteiligung zu spät erfahren hat, ist eine Aussage über das Verfahren, und Verfahren lassen sich ändern. Der nächste Nationale Energie- und Klimaplan wird nicht der letzte sein, und alle zwei Jahre steht ein Fortschrittsbericht an. Eine Rückmeldung, die festhält, dass die Beteiligung an den Beteiligten vorbeilief, wirkt über diesen einen Plan hinaus.
Und dann: weitersagen
Bei der Befragung wurde gleich zu Beginn gefragt, aus welcher Perspektive jemand antwortet — Privatperson, zivilgesellschaftliche Organisation, Umweltorganisation, Wissenschaft, Gebietskörperschaft, Gewerkschaft. Die Auswertung wird nach diesen Gruppen aufgeschlüsselt. Das heißt: Tausend Privatpersonen füllen eine einzige Spalte. Die übrigen Spalten füllen die, für die das jemand im Kalender stehen hat.
Genau da liegt der Hebel. Viele Menschen, die sich für die Energiewende engagieren, sind längst mehr als Privatperson: im Vorstand eines Vereins oder einer Bürgerinitiative, in einer Energiegenossenschaft, in einem Umweltverband, im Gemeinde- oder Ortsrat, in einer Gewerkschaft, an einer Hochschule oder im Ruhestand nach einem Berufsleben im Fach. Wer eine solche Rolle hat, kann aus ihr heraus antworten — und landet damit in einer Spalte, die sonst leer bleibt.
Das ist der ganze Mechanismus, und er ist unspektakulär: Beteiligungsverfahren werden von denen geprägt, die rechtzeitig davon wissen. Wer davon weiß, entscheidet also mit, wer mitredet.
Also: ladeFreun.de ein! Leiten Sie diesen Beitrag weiter — an drei Menschen, die es fachlich können.
Quellen
- Fragebogen der Öffentlichkeitsbeteiligung: jetzt-mitmachen.de/necp — Befragung im Auftrag des BMWE, Auftragnehmer Prognos AG und Zebralog GmbH. Alle Zitate wörtlich, erhoben am 26.07.2026.
- Hintergrund und die fünf Dimensionen des NECP: BMWE zum Nationalen Energie- und Klimaplan
- Rechtsgrundlage: EU-Verordnung 2018/1999 über das Governance-System der Energieunion
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