Kroatien: Adria-Wind, Wasserkraft und EU-Netz
Kroatien: Adria-Wind, Wasserkraft und EU-Netz
Foto: Windpark bei Senj an der kroatischen Adria — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Bob Ramsak
Kroatien ist ein Sonderfall im europäischen Stromsystem: Ein Land, das seit Jahrzehnten auf Wasserkraft baut, das an der Adria über ausgezeichnete Wind- und Sonnenlagen verfügt – und das beim Ausbau dennoch ausgebremst wird, weil das Netz und die Anschlussregeln nicht hinterherkommen. Wer wissen will, warum es nicht reicht, sauberen Strom nur zu erzeugen, findet hier ein lehrreiches Beispiel. Ein Blick auf erneuerbare Energien, Speicher, Elektromobilität und das Netz.
Erneuerbare: Wasserkraft als Fundament, Wind und Sonne im Schub
2025 war für Kroatien ein Rekordjahr. Erneuerbare Quellen deckten erstmals mehr als die Hälfte des verbrauchten Stroms ab – rund 52,6 Prozent inklusive Wasserkraft. Die Wasserkraft bleibt mit etwa 28 Prozent der Erzeugung das Rückgrat des Systems, ein Erbe der großen Speicher- und Laufwasserkraftwerke entlang von Flüssen wie der Cetina und Krka. Wind steuerte rund 16 Prozent bei, Solar etwa 7 Prozent. Fossile Energien – vor allem Gas und Kohle – machten nur noch rund 16 Prozent der Erzeugung aus.
Bemerkenswert ist die Dynamik bei der Sonne: 2025 kamen 417 Megawatt neue Solarleistung hinzu – nach Zahlen des kroatischen Erneuerbaren-Verbands (RES Croatia). Die installierte Photovoltaik kletterte damit auf rund 1,26 Gigawatt (Stand Anfang Dezember 2025) und verdoppelte ihre Erzeugung beinahe. Solar war die am schnellsten wachsende Technologie des Jahres und steuert nun auf einen Stand zu, der Anfang 2026 erstmals die installierte Windleistung übertreffen dürfte. Rund drei Viertel der Solarleistung speisen ins Verteilnetz ein und stammen von gewerblichen Anlagen, etwa ein Viertel von Haushalten.
Doch der Engpass ist nicht das Potenzial, sondern der Anschluss: Rund 3,5 Gigawatt baureife, großskalige Erneuerbaren-Projekte – davon etwa drei Viertel Solar – warteten zuletzt auf eine Entscheidung über die Höhe der Netzanschlussentgelte. Hier zeigt sich ein Muster, das uns aus vielen Ländern bekannt vorkommt: Die Erzeugung wächst schneller als die Fähigkeit, sie aufzunehmen. Wo Strom nicht eingespeist oder verbraucht werden kann, droht Abregelung – die Anlage wird gedrosselt, der Strom gar nicht erst erzeugt. Dass negative Strompreise und Abregelung auch in Kroatien zunehmend ein Thema sind, zeigt sich daran, dass Batteriespeicher dort inzwischen als Absicherung gegen genau diese Situationen gelten. Genau an dieser Stelle setzt unsere Forderung an: erst nutzen, dann speichern. Überschussstrom an Ladesäulen zu laden ist die einfachste Form, vorhandene Erzeugung anzunehmen, statt sie verfallen zu lassen.
Speicher: Velebit – ein Pumpspeicher von 1984
Beim Thema Speicher hat Kroatien einen frühen, aber bislang einzigen großen Trumpf: das reversible Wasserkraftwerk Velebit. Es liegt am Unterlauf der Zrmanja, rund zehn Kilometer oberhalb von Obrovac im Gespanschaftsgebiet Zadar, am Fuß des Velebit-Gebirges. Es ging 1984 in Betrieb und war damals eines der größten reversiblen Wasserkraftwerke Europas. Velebit verfügt über zwei Maschinensätze mit zusammen rund 276 Megawatt im Turbinenbetrieb und etwa 240 Megawatt im Pumpbetrieb; zwischen Ober- und Unterbecken liegen rund 540 Meter Höhenunterschied.
Velebit bleibt bis heute das einzige Pumpspeicherkraftwerk des Landes. Bei einem Stromsystem, das zunehmend von schwankender Wind- und Solarleistung geprägt ist, ist das wenig. Speicher – ob Pumpspeicher oder Batterien – sind die zweite Stufe der Flexibilität. Die erste Stufe ist und bleibt der direkte Verbrauch in dem Moment, in dem der Strom anfällt. Auch deshalb ist die Reihenfolge wichtig: nutzen, dann speichern, dann abregeln.
Elektromobilität: viel Adria-Tourismus, wenig E-Auto
Bei der Elektromobilität ist Kroatien europäisches Schlusslicht. 2025 wurden lediglich rund 1.266 reine E-Fahrzeuge neu zugelassen – ein Rückgang von fast 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr, der Marktanteil fiel von 2,8 auf 1,8 Prozent. Damit liegt Kroatien beim E-Auto-Anteil am Ende des europäischen Felds. Mitte 2025 wurde ein neues Förderprogramm für emissionsfreie Fahrzeuge im Umfang von rund 21 Millionen Euro angekündigt, das den Trend drehen soll.
Die Ladeinfrastruktur ist dem Bestand voraus: Schon Mitte 2024 zählte das Land über 1.500 Ladepunkte, mit einem jährlichen Wachstum von rund 40 Prozent seit 2020. Etwa zwei Drittel sind AC-Punkte, ein Drittel DC-Schnelllader. Für ein Land, das im Sommer von Millionen Adria-Urlaubern angefahren wird, ist die Ladeinfrastruktur entlang der Küste ein strategischer Hebel – und zugleich ein natürlicher Abnehmer für Strom, der in den sonnen- und windreichen Sommermonaten ohnehin im Überfluss anfällt.
Netz und Interkonnektoren: das EU- und Balkan-Drehkreuz
Kroatien ist heute ein wichtiger Knoten im südosteuropäischen Stromverbund. Mit der 2022 fertiggestellten 400-kV-Verbindung Cirkovce–Pince wurde der lange geplante ungarisch-kroatisch-slowenische Netzschluss vollendet. Über Projekte wie SINCRO.GRID arbeiten der kroatische Übertragungsnetzbetreiber HOPS und seine slowenischen Partner an stabilerem grenzüberschreitendem Betrieb. Der Trans-Balkan-Stromkorridor soll die Netze Serbiens, Montenegros und Bosnien-Herzegowinas enger mit Kroatien, Ungarn, Rumänien und Italien verbinden.
Der grenzüberschreitende Austausch spielt für Kroatien eine große Rolle: Ein erheblicher Teil des im Land verfügbaren Stroms wird importiert. Ein Stück weit ist das eine statistische Eigenheit – Kroatien besitzt die Hälfte des slowenischen Kernkraftwerks Krško, dessen Strom in den Bilanzen als Import erscheint, obwohl er zur kroatischen Versorgung gehört. HOPS hat seinen Zehnjahres-Netzentwicklungsplan 2025–2034 fortgeschrieben und im September 2025 eine Klimarisiko-Bewertung des Netzes abgeschlossen. Netzausbau und Interkonnektoren sind hier sinnvoll, um Strom über Grenzen auszugleichen. Sie ersetzen aber nicht die naheliegende Lösung vor Ort: Wer Erzeugungsspitzen direkt in Speicher von E-Fahrzeugen und Großabnehmer fließen lässt, entlastet die Leitungen, statt immer neue zu brauchen. Kroatien zeigt im Kleinen, was europaweit gilt – das Aufnahmeproblem löst sich am schnellsten dort, wo der Strom entsteht.
Quellen
- Croatia Week: Croatia's electricity system led by renewables for first time
- CEENERGYNEWS: Croatia sets new renewable records in 2025
- pv magazine: Croatia deploys 417 MW of solar in 2025
- Strategic Energy Europe: Croatia reaches 3.8 GW of renewables but faces structural barriers
- Low-Carbon Power: Croatia Electricity Generation Mix 2025 (Fossil-Anteil, Net-Imports, Krško)
- Wikipedia: Velebit Pumped Storage Power Plant
- power-technology: Power plant profile: Velebit, Croatia
- European Alternative Fuels Observatory / eleport: EV sales in Europe 2025
- Balkan Green Energy News: Hungary, Slovenia connect electricity systems with Cirkovce-Pince link
- Balkan Green Energy News: HOPS invests EUR 213 million in transmission grid
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