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Türkei: zwischen Wasserkraft, Solar-Boom und Togg

10. Juni 2026 5 min Lesezeit Ladefreunde-Blog

Türkei: zwischen Wasserkraft, Solar-Boom und Togg

Solarfeld in der Türkei

Foto: Solarthermie-Feld (CSP) bei Mersin, Türkei — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Kohsman

Die Türkei ist ein Energiemarkt im schnellen Wandel. Innerhalb weniger Jahre hat das Land einen Solar-Boom hingelegt, baut die mit Abstand größte Batteriespeicher-Pipeline Europas auf und hat einen Elektroauto-Markt, der sich gerade verdoppelt. Gleichzeitig hängt es weiter stark an Kohle und Importen. Für unsere Kernfrage – Überschussstrom nutzen statt abregeln – ist die Türkei ein lehrreicher Fall: Hier entsteht gerade die Infrastruktur, die genau dieses Nutzen-statt-Wegwerfen möglich macht.

Erneuerbare: Solar und Wind überholen die Wasserkraft

2025 deckten erneuerbare Quellen rund 43 Prozent der türkischen Stromerzeugung. Solar und Wind erreichten zusammen einen Rekordwert von 22 Prozent – Solar etwa 11 Prozent, Wind ebenfalls rund 11 Prozent. Damit haben Solar und Wind erstmals die klassische Wasserkraft überholt, die wetterbedingt schwankt: 2025 war das niederschlagsärmste Jahr seit 61 Jahren, die Wasserkrafterzeugung brach um 17 TWh ein und lag bei rund 16 Prozent. Kohle blieb mit etwa 34 Prozent größter Einzelträger, davon rund zwei Drittel aus Importen – ein Kostentreiber und eine Abhängigkeit, die Ankara reduzieren will.

Das Wachstumstempo ist hoch: Die installierte Gesamtleistung erreichte 2025 rund 122 GW, von denen erneuerbare Anlagen gut 62 Prozent ausmachen (Kapazitäts-Anteil, nicht zu verwechseln mit dem Erzeugungs-Anteil). Die Solarkapazität überschritt im März 2026 die Marke von 25 GW; allein 2023 kamen rekordverdächtige 4,8 GW hinzu, und 2025 wuchs der gesamte Wind- und Solarbestand um rekordverdächtige 6,5 GW auf rund 40 GW. Die Solarerzeugung hat sich binnen zwei Jahren verdoppelt. Trotzdem warnt Ember, dass die Türkei Solar und Wind noch verdreifachen müsste, um ihre 2035-Ziele zu erreichen.

Speicher: Europas größte Batterie-Pipeline

Hier wird es für unser Anliegen besonders interessant. Eine Regeländerung von 2022 gewährte solar- und windgekoppelten Speicherprojekten praktisch unbegrenzte Vorlizenz-Rechte – und löste einen Genehmigungs-Boom aus. Stand April 2025 lagen speicherintegrierte Projekte mit rund 33 GW in der Vorlizenz-Pipeline; nach späteren Angaben sind inzwischen sogar Vorlizenzen über 38 GW erteilt worden. Zum Vergleich: Die größten EU-Speichermärkte wie Deutschland und Italien liegen bei 12 bis 13 GW. Die Türkei rangiert damit beim Pipeline-Volumen vor allen EU-Staaten – das offizielle nationale Ausbauziel liegt mit 7,5 GW bis 2035 sogar deutlich darunter, der Markt läuft dem Plan also weit voraus.

Entscheidend ist die Kopplung an Erzeugung: Die Speicher entstehen direkt neben Solar- und Windparks. Genau das ist die dezentrale Logik, für die wir werben – Überschuss vor Ort puffern oder direkt verbrauchen, statt ihn abzuregeln. 2026 ging das erste größere Solar-plus-Speicher-Projekt ans Netz (49,2 MW Solar mit 34,1 MWh Batterie); eine erste Tranche von rund 1,5 GW soll bis Ende 2026 folgen. Wichtig bleibt das Prinzip „erst nutzen, dann speichern": Ein Speicher ist sinnvoll für das, was nach dem direkten Verbrauch übrig ist – nicht als Ersatz dafür, vorhandene Last (etwa ladende Fahrzeuge) gezielt in die Überschussstunden zu legen.

E-Mobilität: BYD, Togg und ein verdoppelter Markt

Der türkische EV-Markt explodiert. 2025 wurden rund 190.000 reine Elektroautos verkauft – ein Plus von etwa 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit war die Türkei der viertgrößte Markt für neue batterieelektrische Autos in Europa, hinter Deutschland, dem Vereinigten Königreich und Frankreich. Der Anteil reiner Elektroautos an den Neuzulassungen stieg auf rund 17 Prozent, nach etwa 10 Prozent im Jahr zuvor. Bestseller war 2025 BYD, vor Tesla und der heimischen Marke Togg, deren 2023 gestartetes Modell T10X stark gefördert wird: Von T10X und der im September 2025 nachgereichten Limousine T10F lieferte Togg 2025 rund 39.000 Fahrzeuge aus.

Auch die Produktion zieht an: BYD baut in Manisa ein Werk mit einer Milliarden-Investition, das bis Ende 2026 bis zu 150.000 Fahrzeuge jährlich fertigen soll – auch als Brücke in den europäischen Markt. Die Ladeinfrastruktur wächst entsprechend: Im Juni 2025 zählte die Regulierungsbehörde EPDK 31.433 öffentliche Ladepunkte (gegenüber rund 6.500 im März 2023), bis zum Herbst 2025 über 37.000 – konzentriert in Istanbul, Ankara und Izmir.

Damit wächst genau die flexible Last, die Überschussstrom aufnehmen kann. Ladende Fahrzeuge sind ein idealer Abnehmer für Strom, der sonst keinen Käufer findet – vorausgesetzt, der Preis am Ladepunkt signalisiert die Überschussstunden.

Netz, Börse und Abregelung

Den Stromhandel organisiert die Börse EPİAŞ über einen Day-Ahead- und Intraday-Markt; der Netzbetreiber TEİAŞ verantwortet die Übertragung. Die Türkei ist über elf Interkonnektoren mit fast allen Nachbarn verbunden und synchron mit dem europäischen Verbundnetz gekoppelt; 2025 kam eine 400-kV-Leitung zur Stromlieferung nach Syrien hinzu. Da Verbrauch und Erzeugung oft weit auseinanderliegen, sind Engpässe und Netzverluste ein Thema – die Antwort liegt aber nicht allein in mehr Leitungen, sondern in Flexibilität: Lasten verschieben, Speicher koppeln, Überschuss vor Ort verbrauchen.

Die Abregelung von Wind und Solar war bislang mit unter 0,1 Prozent der Jahreserzeugung gering. Doch mit dem rasanten Zubau steigt der Druck – und genau deshalb baut die Türkei die Speicher-Pipeline so aggressiv aus. Der türkische Fall zeigt: Wer Erzeugung, Speicher und flexible Last (E-Autos) zusammen denkt, kann Überschüsse nutzen, statt sie wegzuwerfen. Das ist exakt die Logik hinter unserer Forderung, den Spielraum für Überschussstrom an Ladesäulen auch in Deutschland zeitlich zu erweitern.

Quellen

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