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Italien und die Wärme aus der Tiefe: ein Toskana-Exkurs

10. Juni 2026 6 min Lesezeit Ladefreunde-Blog

Italien und die Wärme aus der Tiefe: ein Toskana-Exkurs

Geothermie-Kraftwerk Larderello

Foto: Die Kühltürme des Geothermie-Kraftwerks Larderello in der Toskana — via Wikimedia Commons — Public domain / Goth nespresso

Italien ist ein Sonderfall unter den europäischen Energiewende-Ländern. Während die meisten Staaten ihre erneuerbare Erzeugung erst in den letzten zwei Jahrzehnten aufgebaut haben, betreibt Italien seit 1913 ein Kraftwerk, das bis heute Strom liefert – und das aus einer Quelle, die viele unterschätzen: der Erdwärme. Gleichzeitig erlebt das Land gerade einen Solar-Schub, der die Struktur seines Strommarktes spürbar verändert. Ein guter Anlass, beides zusammen anzuschauen.

Der Strommix: Solar zieht davon

2025 lag der Anteil erneuerbarer Energien am italienischen Stromverbrauch bei rund 41 Prozent (2024: 42 Prozent), bei einem Gesamtverbrauch von etwa 311 TWh. Der Rückgang täuscht: Er liegt allein an der Wasserkraft, die nach einem außergewöhnlich nassen 2024 um gut 21 Prozent zurückging. Der eigentliche Trend zeigt nach oben.

Größter erneuerbarer Träger ist inzwischen die Photovoltaik mit rund 14,5 Prozent des Verbrauchs. Die Solarerzeugung sprang 2025 um etwa 25 Prozent auf rund 44 TWh – getragen von etwa 6,4 GW neu installierter Leistung. Die Wasserkraft liefert in einem normalen Jahr rund 13 Prozent, die Windkraft etwa 7 Prozent. Geothermie steuert rund 2 Prozent bei, Biomasse ähnlich. Der Netzbetreiber Terna rechnet bis 2030 mit etwa 200 GW installierter Erzeugungsleistung, davon rund 140 GW aus sauberen Quellen.

Mit dem Solar-Schub kommt das vertraute Muster: Zur Mittagszeit übersteigt das Angebot zeitweise die Nachfrage. Eine Besonderheit unterscheidet Italien dabei von Deutschland: Der Börsenpreis (PUN) darf aus regulatorischen Gründen bisher nicht unter null fallen. Stattdessen häufen sich Stunden mit dem Preis null – am 1. Mai 2026 lag der PUN erstmals landesweit für rund sechs Stunden bei 0 Euro/MWh. Schon im Mai 2025 wurde ein erheblicher Teil der Strommengen zu Nullpreisen angeboten. Wo der Markt den Überschuss nicht mehr über den Preis abräumen kann, bleibt die Abregelung – im sonnigen Süden und auf den Inseln (Sizilien, Sardinien, Apulien) deutlich ausgeprägter als im Norden. Genau hier setzt unsere Forderung an: Strom, der zu Spitzenzeiten sonst nicht erzeugt oder verworfen wird, ließe sich an Ladesäulen nutzen, statt ihn abzuregeln – erst nutzen, dann speichern.

Larderello: das älteste Geothermie-Kraftwerk der Welt

Der eigentliche Exkurs führt in die Toskana, in das „Valle del Diavolo" – das Teufelstal – bei Pisa. Hier zündete Fürst Piero Ginori Conti 1904 einen Generator, der mit Erddampf fünf Glühbirnen zum Leuchten brachte: 10 Kilowatt, die erste geothermische Stromerzeugung der Geschichte. 1913 ging in Larderello das weltweit erste kommerzielle Geothermie-Kraftwerk mit 250 kW ans Netz und versorgte bald die Eisenbahn sowie die Orte Larderello und Volterra.

Aus diesem Pionierprojekt ist ein Verbund geworden: Heute betreibt Enel Green Power in der Toskana 34 geothermische Kraftwerke mit insgesamt 37 Erzeugungseinheiten – sämtliche italienischen Geo-Anlagen liegen in dieser einen Region. Der toskanische Verbund hat eine installierte Leistung von rund 800 MW; gesamtitalienisch wird die geothermische Leistung mit etwa 900 MW angegeben. Die Anlagen erzeugen rund 6 TWh pro Jahr – etwa 2 Prozent der gesamten italienischen Stromerzeugung, regional in der Toskana aber rund ein Drittel des dortigen Verbrauchs. Anders als Sonne und Wind liefert Geothermie rund um die Uhr, unabhängig von Wetter und Tageszeit – eine wertvolle, planbare Komponente in einem zunehmend volatilen Mix. Anfang 2025 sicherte sich Enel eine Verlängerung der toskanischen Geothermie-Konzessionen bis 2046, verbunden mit angekündigten Milliardeninvestitionen in Modernisierung und Ausbau.

Speicher: vom Pumpspeicher zum Batteriemarkt

Italien verfügt über eine lange Tradition großer Pumpspeicherkraftwerke in den Alpen und Apenninen. Neu hinzu kommt nun der Aufbau von Batteriespeichern im großen Stil. Im August 2025 lag die gesamte installierte Speicherkapazität – Pumpspeicher und Batterien zusammen – bei rund 70,3 GWh. Den Löwenanteil stellen weiterhin die Pumpspeicher; die Batterien sind die schnell wachsende Komponente: Allein die netzdienliche Großbatterie-Kapazität (Utility-Scale) sprang 2024 von rund 0,5 GWh auf etwa 3,4 GWh.

Den Rahmen dafür setzt das Kapazitätsinstrument MACSE (Mercato a termine degli stoccaggi), das die EU mit einem Paket von 17,7 Mrd. Euro genehmigt hat. Die erste MACSE-Auktion Ende September 2025 vergab 10 GWh Batteriespeicher zu einem Durchschnittspreis weit unter dem Höchstgebot – ein Signal für reifen Wettbewerb. Terna will über das Instrument bis 2030 rund 50 GWh Speicher anreizen; das nationale Ziel liegt bei etwa 11 GW / 58 GWh. Für 2026 werden weitere Auktionen erwartet, darunter eine eigene Runde für Pumpspeicher.

E-Mobilität: solides Wachstum, weiter europäischer Rückstand

2025 wurden in Italien rund 94.973 reine Batterie-Pkw (BEV) neu zugelassen – ein Plus von etwa 46 Prozent gegenüber 2024. Im Dezember 2025 erreichte der BEV-Anteil an den Monatszulassungen mit gut 11 Prozent einen Höchstwert; über das Gesamtjahr lag der Anteil aber erst bei rund 6,2 Prozent. Italien bleibt damit hinter dem europäischen Durchschnitt zurück – Fachstimmen verweisen auf den Bedarf einer steuerlichen Reform, um die Lücke zu schließen.

Die Ladeinfrastruktur wächst mit: Ende 2025 zählte Italien über 70.000 öffentliche Ladepunkte. Von den binnen eines Jahres neu aktivierten Punkten waren fast die Hälfte Schnell- oder Ultraschnelllader – ein Mix, der zunehmend auf Langstrecke ausgerichtet ist. Gerade Schnelllader an verkehrsstarken Achsen sind die Großabnehmer, die mittägliche Überschüsse aufnehmen könnten.

Netz und Interkonnektoren

Italiens Stromsystem ist geografisch gespannt: viel Erzeugung im sonnigen Süden und auf den Inseln, viel Verbrauch im industriellen Norden. Terna verbindet die Teile mit großen Seekabel-Projekten. Der Tyrrhenian Link besteht aus zwei 500-kV-HGÜ-Strängen über zusammen rund 970 Kilometer mit je 1.000 MW Übertragungsleistung und koppelt Sizilien, Sardinien und Kampanien enger zusammen. Parallel erneuert das Projekt SACOI3 die Verbindung zwischen Sardinien, Korsika und dem Festland; Terna investiert rund 950 Mio. Euro, unter anderem zur besseren Integration erneuerbarer Quellen.

Solche Verbindungen helfen, Überschüsse regional auszugleichen – sie erklären, warum in Sardinien parallel Batterien gebaut werden, um Mittagsspitzen vor Ort aufzunehmen. Doch jede neue Leitung braucht Jahre. Dezentrale Lösungen – Speicher und flexible Verbraucher wie steuerbare Ladesäulen – wirken sofort dort, wo der Überschuss entsteht. Italiens Geschichte zeigt, dass es sich lohnt, vorhandene Energie klug zu nutzen, statt sie ungenutzt zu lassen. Was 1904 mit fünf Glühbirnen aus dem Teufelstal begann, ist heute eine Frage der Systemintelligenz: erst nutzen, dann speichern.

Quellen

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