Griechenland: Sonne, Inseln und der Netz-Engpass
Griechenland: Sonne, Inseln und der Netz-Engpass
Foto: Windpark auf Samothraki, Griechenland — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 3.0 / Thanatos
Griechenland hat in wenigen Jahren einen der schnellsten Solar-Ausbauten Europas hingelegt. Doch genau dieser Erfolg legt nun ein Problem offen, das wir aus Deutschland gut kennen: Wenn die Sonne mittags ihr Maximum erreicht, weiß das Netz nicht mehr, wohin mit dem Strom. Statt ihn zu nutzen, wird er abgeregelt. Ein Blick auf Stand und Engpässe des griechischen Stromsystems.
Erneuerbare: Rekord-Anteil, aber wachsende Abregelung
2025 deckten die Erneuerbaren erstmals den größten Anteil des griechischen Strombedarfs ab: 46,7 Prozent über das Jahr, der höchste Wert der Geschichte. Haupttreiber ist die Photovoltaik. Allein 2025 kamen rund 1,9 Gigawatt neue Solarleistung hinzu; Ende 2025 standen damit rund 11,5 Gigawatt Solar in den Büchern. Zusammen mit der Windkraft summierte sich die installierte Erneuerbaren-Leistung Anfang 2026 auf knapp 18 Gigawatt.
Der schnelle Zubau trifft auf ein Netz und einen Markt, die noch nicht mitgewachsen sind. Die Folge ist Abregelung: 2025 wurden rund 1.867 Gigawattstunden grüner Strom nicht genutzt — 6,6 Prozent der gesamten Erneuerbaren-Produktion und damit fast doppelt so viel wie 2024 (968 Gigawattstunden). In den Mittagsstunden, wenn die PV-Anlagen am meisten liefern, fallen die Großhandelspreise regelmäßig auf null oder ins Negative. 2025 gab es an der griechischen Börse rund 483 Stunden mit Null- oder Negativpreisen — mehr als doppelt so viele wie 2024 (186 Stunden). Für kleinere und mittlere Solar-Betreiber bedeutet das massive Einbußen: Einzelne Anbieter verloren in einem Monat bis zu 60 Prozent ihrer theoretisch möglichen Erlöse — durch Null- und Negativpreise zusammen mit erzwungenen Abregelungen.
Das ist der Punkt, an dem unsere Forderung ansetzt: Strom, der ohnehin erzeugt wird und sonst weggeregelt würde, sollte zuerst genutzt werden — etwa an Ladesäulen, wenn die Sonne am höchsten steht. Erst nutzen, dann speichern, dann erst abregeln. In Griechenland fällt das Solarmaximum mit der Mittagszeit zusammen, in der viele Fahrzeuge ohnehin stehen.
Stromspeicher: vom Subventionsprogramm zum Batterie-Boom
Griechenland setzt stark auf Batteriespeicher, um den Mittagsüberschuss zeitlich zu verschieben. Ein erstes staatliches Förderprogramm über rund 1 Gigawatt wurde in drei Ausschreibungen vergeben; die dritte und letzte Runde Anfang 2025 brachte 188,9 Megawatt an netzseitigen Großbatterien, schwerpunktmäßig in früheren Kohleregionen.
Inzwischen verschiebt sich der Fokus weg von der Subvention. Die Regierung hat ein neues Programm über 4,7 Gigawatt eigenständiger Batteriespeicher aufgelegt, die ohne Förderung am Markt operieren und vorrangigen Netzanschluss erhalten sollen. Das Interesse übersteigt die geplanten Mengen deutlich — die eingereichten Anträge liegen weit über dem Zielwert. Speicher sind die mittelfristige Antwort auf die Mittagsspitze; sie ersetzen aber nicht die unmittelbare Nutzung, sondern ergänzen sie.
E-Mobilität: niedriges Niveau, ausbaufähige Ladeinfrastruktur
Bei der E-Mobilität steht Griechenland noch am Anfang. 2025 wurden 8.754 reine Batteriefahrzeuge neu zugelassen — ein neuer Rekord, aber bei insgesamt 144.200 Pkw-Neuzulassungen nur ein Anteil von 6,2 Prozent (2024: 6,4 Prozent). Plug-in-Hybride legten auf 8,1 Prozent zu. Das offizielle Ziel, bis 2030 jeden dritten Neuwagen elektrisch zu verkaufen, bleibt bei dieser Geschwindigkeit ehrgeizig.
Auch die Ladeinfrastruktur hinkt den Plänen hinterher. Der nationale Elektrifizierungsplan zielt auf 18.000 Ladepunkte bis 2030; 2025 waren erst rund 808 DC-Stationen in Betrieb von 2.728 für dieses Jahr geplanten. Das Netz ist stark wechselstromlastig: Branchenanalysen zählen rund 5.773 AC-Punkte (etwa 86 Prozent), nur 14 Prozent sind DC- oder Schnelllade-Stationen, von denen wiederum rund 93 Prozent auf Athen und Thessaloniki konzentriert sind. Ländliche Regionen sind auf langsame AC-Ladung angewiesen. Gerade hier liegt ungenutztes Potenzial: Ein Land mit mittäglichem Solarüberschuss und schwacher Lade-Auslastung könnte beides zusammenbringen, statt Strom abzuregeln.
Netz und Interkonnektoren: die Inseln ans Netz holen
Griechenlands geografische Besonderheit sind die vielen Inseln, die lange auf teure, dieselbetriebene Inselkraftwerke angewiesen waren. Hier hat sich 2025 viel bewegt. Das wichtigste Projekt ist die Ariadne-Verbindung zwischen Attika und Kreta: zwei 335 Kilometer lange Gleichstrom-Seekabel in bis zu 1.200 Metern Tiefe, seit dem 24. Mai 2025 in Betrieb. Bei Vollauslastung überträgt sie 1.000 Megawatt — genug, um Kreta den größten Teil des Jahres zu versorgen. Es ist Griechenlands erstes HGÜ-Seekabel und erlaubt, die alten Inselkraftwerke schrittweise abzuschalten.
Deutlich ehrgeiziger und unsicherer ist der Great Sea Interconnector (GSI, früher EuroAsia), eine geplante 2.000-Megawatt-Verbindung über Kreta nach Zypern und Israel mit insgesamt rund 1.200 Kilometern Kabel. Das Projekt wurde im März 2025 von der griechischen Regierung pausiert, nachdem Zahlungen an den Kabelhersteller eingefroren wurden; es ist weiter Gegenstand von Verhandlungen. Geplant ist außerdem der EuroAfrica Interconnector, der Ägypten über Kreta mit dem griechischen Netz verbinden soll.
Solche Verbindungen sind sinnvoll, um Inseln einzubinden und Überschüsse regional auszugleichen. Entscheidend bleibt aber: Mehr Leitungen lösen das Mittagsproblem nicht allein. Wenn der Strom schon da ist, sollte er vor Ort genutzt werden, bevor er über immer längere Kabel verschoben oder am Ende abgeregelt wird. Griechenland zeigt im Kleinen, was auch bei uns gilt — die billigste Kilowattstunde ist die, die man nutzt, statt sie wegzuwerfen.
Quellen
- Greece achieves record renewables output but also curtailments in 2025 — Balkan Green Energy News
- Curtailment, negative prices push Greek PV owners toward bankruptcy — pv magazine
- Greece installs 1.9 GW of PV capacity in 2025 — pv magazine
- Greece awards 188.9 MW for subsidized battery storage in final auction — Balkan Green Energy News
- EV sales continued to increase in Greece in 2025 — European Alternative Fuels Observatory
- Greece now interconnected with Crete via 1 GW transmission line — pv magazine
- Great Sea Interconnector — Wikipedia
- Trends in electricity production – December 2025 — The Green Tank (ADMIE-Daten: 1.867 GWh Abregelung 2025, 483 Null-/Negativpreis-Stunden)
- Electric Vehicle Charging Infrastructure in Greece: A Strategic Industry Analysis — Anari Energy (Ladeinfra-Detailzahlen 808 DC / 5.773 AC / 93 %-Konzentration)
- Infrastructure / Target tracker Greece — European Alternative Fuels Observatory (AFIR-Klassifikation, AC-Dominanz, urbane DC-Konzentration)
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