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Balearen und Kanaren: Inseln als Reallabor für hohe Erneuerbaren-Anteile

10. Juni 2026 5 min Lesezeit Ladefreunde-Blog

Balearen und Kanaren: Inseln als Reallabor für hohe Erneuerbaren-Anteile

Windturbine auf El Hierro

Foto: Windturbine auf El Hierro (Kanaren) — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 3.0 / Erik Streb

Spaniens Inseln sind eigene Stromwelten. Anders als das Festland hängen die Balearen und die Kanaren nicht an einem großen, gut vermaschten europäischen Verbundnetz, sondern bilden weitgehend isolierte Systeme. Was auf einer Insel erzeugt wird, muss dort auch verbraucht werden – Stromimporte über eine Grenzkuppelstelle gibt es kaum. Genau deshalb sind diese Inseln interessant: Sie zeigen im Kleinen, was passiert, wenn man Erneuerbare in ein abgeschlossenes Netz drückt, ohne große Pufferzone.

Zwei Inselgruppen, zwei Geschwindigkeiten

Die Kanaren liegen beim Erneuerbaren-Anteil vorn. Der Anteil erneuerbarer Erzeugung im kanarischen Stromsystem erreichte 2024 mit rund 1.849 GWh einen historischen Höchststand und einen Rekordanteil von 20,8 Prozent am Erzeugungsmix; 2025 wurde dieser Wert weiter auf etwa 20,9 Prozent gesteigert. Die Balearen kommen langsamer voran: Hier lag der Erneuerbaren-Anteil 2025 bei etwa 13,6 Prozent, einschließlich der Beiträge aus Eigenverbrauchsanlagen bei rund 17,6 Prozent.

Beide Zahlen klingen niedrig, wenn man sie mit dem spanischen Festland vergleicht, wo Wind, Sonne und Wasserkraft längst über die Hälfte der Erzeugung stellen. Auf Inseln ist der Weg dorthin aber technisch anspruchsvoller, weil die Stabilität des Netzes von wenigen großen Erzeugern abhängt.

Die Diesel-Abhängigkeit der Inselnetze

Der Grund für die hohe Restabhängigkeit von fossilen Brennstoffen liegt in der Geschichte dieser Netze. Das kanarische System besteht aus sechs kleinen, elektrisch voneinander getrennten Teilsystemen mit schwach vermaschter Infrastruktur. Bei einer Nachfrage von rund 8.752 GWh im Jahr 2023 lag die Abhängigkeit von nicht-erneuerbaren Energien bei gut 80 Prozent.

Ein erheblicher Teil dieser fossilen Erzeugung läuft über Verbrennungsmotoren. Nach Daten für 2023 entfielen im kanarischen Erzeugungsmix grob 42 Prozent auf Kombikraftwerke (Gas/Öl), rund 21,5 Prozent auf Dieselmotoren, etwa 15 Prozent auf Windkraft und knapp 14 Prozent auf Dampfturbinen. Dieselaggregate sind in solchen Inselnetzen beliebt, weil sie sich schnell hoch- und runterfahren lassen und damit Schwankungen ausgleichen – genau die Aufgabe, die in einem großen Verbundnetz viele verteilte Kraftwerke gemeinsam übernehmen. Der Preis dafür sind teurer, importierter Brennstoff und hohe Emissionen.

El Hierro: das laufende Experiment

Wie weit man kommen kann, zeigt die kleine Kanareninsel El Hierro. Dort kombiniert die Anlage Gorona del Viento Windkraft mit einem Pumpspeicher: Überschüssiger Windstrom pumpt Wasser aus einem unteren Becken in ein höher gelegenes Reservoir; wenn der Wind nachlässt, treibt das Wasser auf dem Rückweg Turbinen an. Die Wasserkraftturbinen haben eine Leistung von 11,3 MW, die Pumpstation 6 MW.

El Hierro hat damit zeitweise mehrere Wochen am Stück ohne fossilen Brennstoff funktioniert und nach Betreiberangaben einen Rekord von über 24 aufeinanderfolgenden Tagen rein erneuerbarer Versorgung erreicht. Über das Jahr gerechnet ist die Insel noch nicht durchgängig fossilfrei, aber das System spart laut Betreiber jährlich rund 7.000 Tonnen Diesel und vermeidet über 20.000 Tonnen CO2. El Hierro ist klein und nicht eins zu eins auf große Inseln übertragbar – aber es ist ein reales, laufendes System und kein Modell auf dem Papier.

Speicher und Flexibilität als Schlüssel

Auf den größeren Inseln setzt man auf vergleichbare Prinzipien in größerem Maßstab. In Gran Canaria entsteht mit dem Pumpspeicherprojekt Salto de Chira eine Anlage, die als großer Wasserspeicher Netzschwankungen ausgleichen soll. Daneben braucht es Batteriespeicher und – das ist der für uns interessante Punkt – flexible Verbraucher, die dann Strom ziehen, wenn gerade viel erneuerbare Erzeugung verfügbar ist.

Genau hier setzt ein Pilotprojekt auf den Balearen an. Das Vorhaben "V2G Balearic Islands", finanziert über NextGenerationEU-Mittel und Teil des spanischen Aufbau- und Resilienzplans, erprobt bidirektionales Laden im industriellen Maßstab. Konkret werden 16 intelligente Ladepunkte bei acht Unternehmen installiert, dazu acht Elektrofahrzeuge bereitgestellt. Die Idee: Die Fahrzeugbatterien speichern Strom aus dem Netz, können ihn aber auch zurückspeisen und so beim Lastmanagement und der Netzstützung helfen. Federführend ist der Energieversorger Acciona Energía, als Technologiepartner ist das Forschungszentrum CIRCE beteiligt.

Wachsende Flotte, neue Anreize

Damit solche Konzepte tragen, braucht es genügend Elektrofahrzeuge. Beide Inselgruppen treiben die Verbreitung politisch voran. Auf den Kanaren läuft die Förderung über das MOVES-III-Programm mit Zuschüssen von bis zu 7.000 Euro pro E-Fahrzeug; ein mittelfristiges Szenario für 2030 rechnet mit dem Einsatz von rund 225.000 Elektrofahrzeugen auf den Inseln. Die Balearen haben sich per Klima- und Energiewendegesetz von 2019 zum Ziel gesetzt, bis 2050 fossilfrei zu werden, und schrieben unter anderem 1.000 Ladepunkte bis 2025 fest. Wie schnell die reale Flotte wächst, hängt an Förderkulisse, Ladeinfrastruktur und Kaufverhalten – verlässliche tagesaktuelle Bestandszahlen sind hier mit Vorsicht zu lesen.

Was das mit dem deutschen §13k zu tun hat

Die Inseln führen im Zeitraffer vor, was auch das deutsche Stromsystem zunehmend prägt: Es gibt Stunden mit viel erneuerbarer Erzeugung und Stunden mit wenig. Die teure, fossile Reserve springt vor allem dann an, wenn der Erneuerbaren-Überschuss nicht gespeichert oder genutzt wird. Die Antwort der Inseln heißt nicht zuerst "mehr Erzeugung", sondern Speicher und flexible Last – Pumpspeicher, Batterien, bidirektionales Laden.

Dasselbe Prinzip steht hinter der zeitlichen Erweiterung des §13k EnWG, für die wir uns einsetzen: Wenn Wind und Sonne den Börsenpreis ins Negative drücken, sollte dieser Überschussstrom an Ladesäulen genutzt werden, statt Anlagen abzuregeln. Erst nutzen, dann speichern. Die spanischen Inseln zeigen, dass flexible Verbraucher kein Nebenschauplatz sind, sondern ein zentraler Baustein, wenn der Erneuerbaren-Anteil hoch und der Puffer im Netz knapp wird.

Quellen

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